»Luisa hat abgetrieben« – ist ja nur ein »Zellhaufen«

Wenn ich »Bento« lese, dann gruselt es mich und es läuft eiskalt den Rücken herunter bei der Vorstellung, daß da eine Generation heranwächst, für deren Fühlen, Denken, Wissen der Inhalt von »Bento«, der Halbalphabeten-Version des »Spiegels«, repräsentativ sein könnte.

So abstoßend dieses Medium auch ist, so ist es doch aufschlußreich, zeigt es doch ungeschönt das ganze Ausmaß dessen, was in dieser Gesellschaft krank und kaputt ist. Wie der linksliberale Zeitgeist in der Generation der Zwanzigirgendwas tickt, das tritt auf »Bento« ganz ungefiltert zutage.

So lernen wir in der Geschichte »Luisa hat abgetrieben«: Kinder zu bekommen ist ein Unglück. Sie halten vom Wesentlichen ab: »Arbeiten, Karriere machen, Reisen – ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen.« Weiter Saufen und Rauchen ist auch wichtiger. Wie eine Schwangerschaft zu bewerten ist, darüber läßt der Artikel keinen Zweifel aufkommen:

»Scheiße, scheiße, scheiße. Luisa* zittert. Sie hat gerade in ein Töpfchen gepinkelt, den Schwangerschaftstest hineingesteckt. Der Urin klettert den Teststreifen immer weiter nach oben, er saugt sich voll, nach 30 Sekunden hält er im positiven Bereich an. Luisa ist schwanger. Scheiße. Scheiße. Scheiße.« 

Luisa ist 29 Jahre alt und damit natürlich eindeutig zu jung um Mutter zu werden. Im Prinzip will sie schon Kinder, nur »nicht jetzt. Irgendwann«. Klar, mit 45 ist das viel günstiger. Sie hat sich dann ihre Lebensenergie auf der Karriereleiter weitgehend abmelken lassen, hat genug gefeiert, genug geraucht, was auf allen denkbaren Erteilen – dann kann sie auch mal an Nachrangigkeiten wie Kinder denken. Und vielleicht war ihr Arbeitgeber ja so sozial eingestellt, Luisa eine tiefgekühlte Eizelle zu spendieren.

»Sie hätten das mit einem Kind schon irgendwie hinbekommen, da ist sie sich sicher. Tobias hätte zu ihr gehalten, das Geld hätte schon irgendwie gereicht«

Man könnte meinen, das sind an sich nicht ganz ungünstige Voraussetzungen, hier stehen weder ein Erzeuger, der bei der Nachricht der Schwangerschaft seiner Freundin flugs die Beine in die Hand nimmt, noch materielle Not dem Nachwuchs entgegen. Hat Luisa wohl jemals daran gedacht, daß im Vergleich zur Generation ihrer Großeltern sie selbst ihre Kinder in einer nie dagewesenen Sicherheit und einem materiellen Wohlstand großziehen kann? Hat sie mal überlegt, welchen Widrigkeiten Generationen vor ihr ausgesetzt waren – Kriege, hohe Kindersterblichkeit, Seuchen, Hunger. Und doch haben sie es irgendwie geschafft. Und am Ende dieses Weges steht: Luisa. Hier ist Schluß. Denn Luisa treibt lieber ab.

Mangels stichhaltiger und nachvollziehbarer Gründe läßt sich Luisas Verweigerung auf ein schnödes »keinen Bock« eindampfen. Da ist also eine Abtreibung unausweichlich. Und so folgt das ermüdende Lamento, wie schwer man es Frauen wie Luisa gemeinerweise macht, ihren »Zellhaufen«, denn um mehr handelt es sich ja nicht, kurzfristig und umstandslos zu entsorgen.

Es sei eine »einsame Entscheidung« gewesen, barmt Luisa. Ihren Lebensgefährten, Tobias, daran zu beteiligen, kommt ihr nicht in den Sinn. Und ihm auch nicht. Tobias hat seine feministische Lektion gelernt, daß er als Mann in dieser Angelegenheit nichts zu melden hat.

»Heute fühlt sich das Leben mit Tobias und ihr – zu zweit – gut an. ›Ich bin heute noch gelassener, denn ich kann viel besser auf mich selbst hören und weiß, dass ich die Kraft habe, schwierige Entscheidungen durchzusetzen‹.«

Oh nein, Luisa, das hast Du nicht! Leute wie Luisa sind schon überfordert, wenn sie sich vorm Waschmittelregal zwischen Persil und dem Weißen Riesen entscheiden müssen, so erst recht, wenn es eine Entscheidung zu treffen gilt, die sie auf irgendwas festlegt, sei es Partner, seien es Kinder – oh weh, man könnte sich ja spätere Optionen verbauen!

Nun gehöre ich beileibe nicht zu den radikalen »Lebensschützern« und mach mir nicht die platte Parole »Abtreibung ist Mord« zueigen, sondern erkenne durchaus an, daß hier verschiedene Interessen aufeinanderprallen, die es abzuwägen gilt. Da ist zum einen das im Grunde durchaus legitime Interesse der Frau an Selbstbestimmung. Da ist andererseits das ungeborene menschliche Leben als schützenswertes Gut. Da ist ferner das ebenfalls legitime Interesse des Selbsterhalts des Volkes, auch wenn es das nach Meinung der vermeintlich »progressiven« Kräfte nicht geben darf. Dieser Konflikt kann nicht aufgelöst werden, wenn ein oder mehrere Interessen kurzum für irrelevant erklärt werden.

So kann es durchaus Gründe geben, die einen Schwangerschaftsabbruch gerechtfertigt erscheinen lassen. Ob nun »keine Lust« oder »paßt gerade nicht so richtig in meine Lebensplanung« dazugehören sollten, das ist die Frage – nein, es sollte eigentlich keine Frage sein.

Das sieht die »Spiegel«-Kolumnistin Margarete Stokowski anders. Der Gedanke, daß mit einer Abtreibung eine ethische Problem einhergeht, ist ihr offenbar gänzlich fremd. Ihrer Meinung nach sollte sich der Staat völlig raushalten – das heißt, er sollte gerade das nicht machen, was eigentlich seine Kernaufgabe ist, der Schutz von Rechtsgütern. In alles andere soll der Staat sich getrost einmischen: Er soll Unternehmern vorschreiben, mit wem sie ihren Chefposten besetzen dürfen; er soll den Leuten vorschreiben, daß sie Styropor-Platten an ihre Häuser kleben; er soll Eltern zur Abgabe ihrer Kinder in der Tagesstätte nötigen; er soll, einerlei, ob die Kunden es wollen oder nicht, ein Zwangsabo für seine Rundfunkanstalten abschließen; er möge bitte dem Bürger den Alkohol- und Tabaksgenuß verleiden; er soll sich einmischen dürfen, wie Eheleute die Erziehung ihrer Kinder gestalten und die Hausarbeit aufteilen. Alles Dinge, die für ein zivilisiertes Leben und den inneren Frieden keineswegs erforderlich sind. kurzum, er soll, um für »Gerechtigkeit« zu sorgen, sich in alles und jedes einmischen – nur Frauen vom Schwangerschaftsabbruch abhalten, oh nein, das geht zu weit!

Worum es sich nun um das Unangenehme an der feministischen Ideologie handelt, das ist die Unbedingtheit, mit der das Selbstbestimmungsinteresse der Frau absolut gesetzt wird, dem gegenüber alles andere nachrangig oder gar irrelevant ist. Und letztlich verwirklicht sich darin auch eine Lebensauffassung, die dem Ich eine Stellung zuweist, der sich alles andere unterzuordnen hat, in der das eigene Interesse automatisch ein Recht darstellt: das vermeintliche Recht auf Genuß ohne Reue, das vermeintliche Recht auf die Folgenlosigkeit des eigenen Handelns, das vermeintliche Recht auf ein Leben als Individuum, das nur mehr Rechte und keine Pflichten hat.

Wegen Frauen wie Luisa und Margarete Stokowski, die eine Abtreibung offenbar als unverbindliche Methode der Familienplanung ansehen, gibt es den § 218. Und um ihretwillen muß er bleiben.


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„Weserlotse“ lebt als Niedersachse mit niederschlesischem Migrationshintergrund in Thüringen und ist alt genug, um noch zu wissen, wie das Leben ohne Internet funktioniert, ist trotzdem so etwas wie das, was heute „Netzaktivist“ heißt, würde sich selbst aber nie so nennen.

4 thoughts on “»Luisa hat abgetrieben« – ist ja nur ein »Zellhaufen«

  1. Grundsätzlich wichtiger und schöner Artikel. Nur…
    „In alles andere soll der Staat sich getrost einmischen: Er soll (…) und die Hausarbeit aufteilen.“
    Ist das die Meinung der Frau Stokowski?

  2. Nun ja, Abtreibungen finden Heute bis zur 23 Woche statt, zumindest in der Schweiz.
    Immer wieder finden Ärzte Gründe um sie derart spät noch durchzuführen.
    Das ist nämlich der Punkt der meist nie diskutiert wird.

    Mit 23 Wochen kann ein Kind über lebensfähig sein und stirbt bei der Abtreibung auch nicht immer, sondern oft fangen sie ihr leben gerade an, auch mit 23 – 24 Wochen.
    Dann legen es die Ärzte in ein Körbchen uns lassen es sterben.
    Allerdings gab es schon Fälle bei denen diese Kinder zum sterben 8-9 Stunden brauchten.
    Und es gab schon Fälle bei denen die Ärzte dem nicht zusehen konnten und das Kind retteten, es in den Brutkasten brachten.
    Solche Kinder gibt es und auch solche die heute schon Erwachsen sind.

    Kinder aus der 23 / 24-ten Woche.

    Als ich das erste mal davon hörte das man abgetriebene Kinder, die nach der Abtreibung ihr Leben aufnahmen, zum Sterben ins Körbchen legte, hat mich das schon bewegt.
    Passive Sterbehilfe oder unterlassene Hilfeleistung ist dabei jedoch die nette Bezeichnung für den Mord an einem lebensfähigen Kind.

    Wie kann man 8 – 9 Stunden zusehen und immer mal wieder das Herz abhören ……..um festzustellen ob es endlich tot ist ?

    Was gibt es heute für einen Grund abzutreiben ausser das man eine Schädigung / Behinderung feststellte….?
    Brauchen die 5-6 Monate um zu Diagnostizieren das ein Kind Behindert haben sein wird ?
    Was für eine Mutter ist das ,die ein Kind mit 6 Monaten abreibt.
    Also ich wollte so was nicht zur Frau haben, wobei sicher auch zu fragen ist warum die Männer das dulden, oder sogar akzeptieren.

  3. Nun ist bento auch seine eigene Filterblase. Die haben dort aus gutem Grund, die Kommentarfunktion abgeschaltet, weil sie dort regelmäßig extremes Gegenfeuer bekommen haben. Was ja keine Überraschung ist, bei der Dummheit, die dort aus dem Bildschirm tropft. Abweichende Meinungen sind sowieso etwas, mit denen sich ein toleranter Linksliberaler nicht so gerne beschäftigt.
    Stokowski, Berg, Augstein…ich habe manchmal den Eindruck, die haben da bei spon einen internen Wettbewerb laufen, wer den größten Scheißdreck raushaut..und ich muß gestehen, ich sehen keinen eindeutigen Gewinner. Doch Margarete spielt auf jeden Fall, ganz vorne mit.

    Abtreibung als normale Verhütungsmaßnahme kennt man in dieser Form eigentlich nur aus Rußland. In sogenannten „zivilisierten“ Ländern gibt es allerdings genügend Verhütungsmittel und man muß sich schon fragen ob eine Frau, die heutzutage ungewollt schwanger wird, überhaupt ohne Vormund überlebensfähig ist?
    Vielleicht hat die 29jährige Luisa einfach nur vergessen, daß Sex auch zu Schwangerschaften führen kann? Ich meine, das Leben heute, daß ist so komplex, man kann sich ja unmöglich alles merken.
    Was ich sagen wollte, man sollte das bento Geschwätz nicht zu ernst nehmen. Klar gibt es da draußen, in den Studentenvierteln und den coolen Butzen der New Media einen ganzen Haufen geistig verarmter, orientierungsloser Hipster, die von solchen Formaten vorgekaut bekommt, was sie dann selbst am WG Küchentisch wieder ausspucken, doch das ist nicht die ganze Realität. Es ist, was es ist: eine Filterblase.

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