Kampf um Tsingtau – das deutsche Kaiserreich und seine Marine

In der fast 8-Millionen-Seelen-Stadt Tsingtau leben heute keine Preußen mehr und wahrscheinlich auch nur noch wenige Deutsche. Nur die Biermarke Tsingtao-Bier deutet neben der alten Kirche noch darauf hin, dass die Stadt einst prächtige Kolonie – genaugenommen ein Pachtgebiet – und ein kleines Juwel des aufstrebenden Deutschen Reiches war. Deutsche Kolonisten gründeten hier die Brauerei Germania nahe Kiatschou im Jahr 1903, als noch nichts darauf hindeutete, dass sich in einigen Jahren hier Japaner, Briten und Deutsche aufs ärgste bekämpfen würden. Auch wenn das koloniale Wettrennen im Pazifik in diesen Jahren im vollen Gange war, wirkte die chinesische Landmasse idyllisch.

Die Chinesen waren in dieser Hinsicht die Leidtragenden der imperialistischen Bestrebungen aller Großmächte. Darunter auch das deutsche Kaiserreich, welches sich mithilfe des deutschen Ostasiengeschwaders der Kaiserlichen Marine in Tsingtau niederließ und dort den Heimathafen für die Kolonien im Pazifik errichtete. Eine Aktion, die von den Briten nicht unbeantwortet blieb und zur Folge hatte, dass sich die britische Royal Navy in Weihaiwei, nicht unweit von Tsingtau niederließ. Japan, Russland und Frankreich mischten in dieser Region, vor allem im südchinesischen Meer, als konkurrierende Mächte mit und sorgten dafür, dass der Pazifik seinen Status als fernöstliches Pulverfass, ähnlich dem europäischen Balkan erhielt. Noch einige Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte Japan die Russen im russisch-japanischen Krieg vernichtend geschlagen und seine Position als maritime Großmacht in Asien damit zementiert. Deutschland bildete, gemessen an Großbritannien, Russland, Frankreich und Japan, ein eher kleines Schlusslicht in Ostasien und den pazifischen Inseln.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges stand das kaiserliche Ostasiengeschwader vor einer schier unmöglichen Aufgabe. Sie sollte, mit nur wenigen Schiffen ausgerüstet, größtenteils abgeschnitten vom Nachschub mehrere Feinde gleichzeitig abwehren, die überall im Pazifik verstreut waren, und die kaiserlichen Gebiete von quasi allen Seiten aus angreifen konnten. Japan, Großbritannien und Russland – Admiral Maximilian Reichsgraf von Spee, Befehlshaber des kaiserlichen Ostasiengeschwaders, stand mitten im Pazifik einer Übermacht gegenüber, gegen die es rein rechnerisch keinen Sieg geben konnte.

Bereits am 2. September 1914 waren die japanischen und britischen Verbände in der Bucht von Laoshan angelandet und begannen mit ihrem Marsch nach Osten, um Tsingtau, welches von einer fähigen, aber zahlenmäßig drastisch unterlegenen deutschen Mannschaft verteidigt wurde.  Fast 60.000 feindliche Soldaten mit über 100 Belagerungsgeschützen wurden gegen die Deutschen ins Felde geführt, welche selbst nur ca. 5000 Marineinfanteristen aufbieten konnten.

 

Schutztruppe Kiautschou
Seesoldaten in Deckung

 

Das verwaltende Reichsmarineamt ordnete die Mobilmachung und die Einberufung aller möglichen chinesischen Hilfstruppen in der Stadt an, die mit deutschen Waffen grundausgerüstet und ausgebildet waren und dem Kaiserreich treu ergeben schienen. Tsingtau war bereits viele Jahre deutsche Kolonie mit eigenen Schulen, christlichen Missionskirchen und Firmen/Handeselgesellschaften, die sich dort eingelebt hatten. Die Order aus Berlin kam direkt vom Kaiser Wilhelm II, in der erklärt wurde, dass Tsingtau möglichst zu halten sei. Ein Verlust der Stadt würde den Untergang der deutschen Kolonien in Asien bedeuten, da der Hafen notwendig zur Versorgung der Flotte in dieser Region der Welt war.



Gouverneur Kapitän zur See Alfred Meyer-Waldeck tat in dieser Situation sein Menschenmöglichstes, um die Stadt mit den wenigen Truppen, die ihm zur Verfügung standen zu halten. Alle Matrosen, die nicht zum Seebataillon gehörten, wurden von ihren seeuntauglichen Schiffen geholt und im Schnellverfahren in die Verteidigung eingebaut.  Lokale Polizei,  österreich-ungarische Einheiten, Kolonisten und chinesische Milizen sollten sich ebenfalls am Kampf beteiligen. Mit den wenigen Geschützen, die teilweise noch aus dem Jahr 1870(und früher) stammten, musste Tsingtau der Belagerung durch eine zehnfache Übermacht standhalten.  Bereits am 26. September kam es zum ersten ernsthaften Angriff auf die Stadtbefestigungen, welche die Angreifer durch blinde Sturmangriffe versuchten zu überrollen. Die deutschen und chinesischen Verteidiger schlugen diese ersten Wellen an Infanterie jedoch ohne große Verlust zurück und fügten den Angreifern erheblichen Schaden zu. Hunderte Briten und Japaner starben oder wurden bereits beim ersten Angriff verwundet.  Im Schutz der Nacht versuchten die Japaner und Briten daraufhin sich immer näher an die Stadt heranzutasten. Sie gruben Laufgräben und Stellungen und arbeiteten sich Stück für Stück heran, bis die Stadt umzingelt und die deutsche Mannschaft eingeschlossen war. Ähnlich wie bei der Verteidigung von Wien versuchten die deutschen Soldaten die Grabenarbeiten durch beständigen Beschuss zu behindern und die Luftangriffe der zwei einzigen Flugzeuge, geflogen von Leutnant Friedrich Müllerskowsky und Gunther Plüschow, waren in dieser Situation ein Segen für die kaiserliche Besatzung der Stadt. Todesmutig stürzten sich beide Flieger immer wieder auf die Stellungen des Feindes und versuchten für die Verteidiger durch die Taktik beständiger Nadelstiche Zeit zu schinden. Müllerskowsky wurde im Verlauf dieser Angriffe jedoch vom Himmel geholt, sodass die Löwenanteile der folgenden Attacken Plüschow zufielen.  Derweil fochten die kaiserlichen Matrosen auf kleinen Kanontenbooten und dem österreich-ungarischen Kreuzer Kaiserin Elisabeth einen unglaublichen Kampf der Verzweiflung gegen die deutlich überlegenen japanischen Kreuzer und britischen Schiffe, welche nach kurzen Gefechten die Hohheit auf der Seeseite der Schlacht erlangen konnten.

Deutsche Marineinfanterie in der Stadt

Tsingtau stand am 5. November kurz vor dem Fall. Die deutsche Besatzung fast zwei Monate lang erbitterten und verzweifelten Widerstand geleistet, immerzu nach Deutschland funkend, dass man standhalte und auf Verstärkung hoffe.  Hunderte Verwundete und Gefallene waren zu beklagen und die Verteidigung zur See war aufgegeben worden, nachdem dem Kreuzer Kaiserin Elisabeth die Munition ausgegangen war. In der Nacht zum 6. November stürmte japanische Infanterie unter dem Schlachtruf  tennō heika banzai auf die zermürbten deutschen Stellungen, die daraufhin im Nahkampf genommen wurden. Nach erbitterten Stunden brutalster Nahkämpfe in den Straßen musste die deutsche Truppe die Verteidigungshöhen aufgeben und sich zurückziehen. Dies ermöglichte den unausweichlichen Einbruch der feindlichen Kräfte in die Stadt und endete in der Kapitulation der deutschen Mannschaft und dem Ende der kaiserlich-deutschen Präsenz in Tsingtau.

 

Lektüre zum Thema:

https://www.swr.de/erster-weltkrieg/tsingtau-die-geschichte-der-deutschen-kolonie-in-china/-/id=12638894/did=13563644/nid=12638894/1c8um77/index.html

 


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport, und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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