Die katalanische Nation?

Autor: Reisig

Der Zwist der spanischen Regierung mit der Regierung der so genannten autonomen Gemeinschaft Katalonien spitzt sich in diesen Tagen und Wochen immer weiter zu. In der Presse wird hitzig über die Haltung der spanischen Gerichtsbarkeit und Politik gegenüber einer Abspaltung Kataloniens, ihre wirtschaftliche Konsequenzen, die Zurückhaltung der EU und das Kopfschütteln darüber, dass Katalanen ihre Unabhängigkeit fordern, obwohl sie dann aus der EU ausscheiden würden und wichtige Unternehmen abwandern, diskutiert. Eine Motivation für die Unabhängigkeit, die oft angeführt wird, ist die finanzielle Benachteiligung Kataloniens, da es sich um eine relativ wirtschaftsstarke Region handelt, die mehr an andere spanische Regionen abgibt als sie sozusagen im spanischen Länderfinanzausgleich erhält. Auch ungeachtet der Frage, ob es tatsächlich zu einer Unabhängigkeit Kataloniens kommen wird, lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Folgende Frage ist viel zentraler als die vorgenannten, kommt aber in der Presse praktisch nicht vor, da sie vielen von gestern zu sein scheint: Ist Katalonien eine Nation? Wenn ja, sollte es unabhängig werden können; wenn nicht, wiegt das Interesse der spanischen Nation schwerer, die Provinz zu halten. Welche Kriterien sprechen für die nationalen Charakter Kataloniens?

  • Es gibt eine katalanische Sprache, die nicht nur als Dialekt des Kastilischen anzusehen ist.
  • In der wechselvollen Geschichte des Landes gehörte Katalonien zeitweilig zur Krone von Aragon und war damit vom Rest des heutigen Spaniens getrennt. Die katalanische Sprache und Traditionen genossen unter der Krone von Aragon große Freiheit. Im 15. Jahrhundert wurden jedoch die Krone von Aragon und die Krone von Kastilien vereint. Im Französisch-Spanischen Krieg kämpften Katalanen erfolglos für ihre Unabhängigkeit. Der Spanische Erbfolgekrieg im 18. Jahrhundert führte zur Aufhebung der katalanischen Selbstverwaltung und Unterdrückung durch die spanische Krone. Im Kontrast dazu war Katalonien kurzfristig, losgelöst von Spanien, ein Teil des napoleonischen Kaiserreichs, um danach wieder an Spanien zu fallen. Die katalanische Sprache und Traditionen wurden unterdrückt. Im frühen 20. Jahrhundert genoss Katalonien zeitweise weitreichende Autonomie und wenige Jahre im Spanischen Bürgerkrieg in den 30er Jahren gab es sogar eine anarchistische Gesellschaftsform. Anschließend wurde unter Francos Herrschaft alles typisch Katalanische wieder unterdrückt. Seit 1975 ist Katalanisch offizielle Sprache neben Spanisch und die Selbstverwaltung wurde wieder verstärkt. Es ging in der katalanischen Geschichte also ziemlich drunter und drüber und man kann durchaus sagen, dass es eine weit zurückreichende Argumentationslinie für eine spezifisch katalanische Geschichte gibt.
  • Eine nicht ganz ernst zu nehmende Zusammenstellung katalanischer Bräuche deutet darauf hin, dass es ein spezifisch katalanisches Brauchtum gibt.

Wir sehen also, es gibt eine Reihe von identitätsstiftenden Faktoren für Katalonien, so dass man wohl von einer katalanischen Nation sprechen kann.

Auch wenn man Katalonien aufgrund dieser Überlegungen die Unabhängigkeit zugestehen würde, heißt das noch lange nicht, dass es auch tatsächlich dazu kommt, da verschiedene politische Kräfte und Interessen einander gegenüber stehen. Im Grunde ist kein Staat an einer Unabhängigkeit Kataloniens interessiert, auch die EU nicht. Spanien hat keinen äußeren Feind, der sich in einem Bürgerkrieg auf die Seite der Separatisten stellen würde. Die Frage ist also, wie weit Spanien und Katalonien gehen würden, Gewalt anzuwenden, um die Abspaltung zu erzwingen bzw. zu verhindern. Westeuropa lebt heute in einem Zeitalter, wo eine blutige Niederschlagung eines separatistischen Aufstandes einen großen Aufschrei und Missbilligung hervorrufen würde. Insofern stehen die Chancen der katalanischen Unabhängigkeitsbefürworter gar nicht so schlecht, trotz einer übermächtigen Zentralregierung die Abspaltung zu erreichen.

In manchen europäischen Staaten wird befürchtet, eine katalanische Abspaltung könnte separatistische Tendenzen auch auf ihrem Hoheitsgebiet stärken, so z.B. in Schottland, Flandern, Norditalien und im Baskenland. In Deutschland brauchen wir solche Zentrifugalkräfte jedoch nicht zu fürchten. Deutschland ist zwar ein Sammelsurium ehemaliger selbstständiger Kleinstaaten, diese sind sich jedoch sprachlich, kulturell und geschichtlich so ähnlich, dass sie getrost alle als Teile der deutschen Nation angesehen werden können und selbst nicht den Status der Nation erfüllen. Das gilt auch für Bayern. Höchstens kleine Gemeinschaften wie die slawischen Sorben oder die Friesen mit ihrer eigenen Sprache könnten auf das Recht der Selbstbestimmung pochen, danach sieht es aber nicht aus.
Im Fall von Katalonien, aber auch generell im Fall von Ansprüchen regionaler Selbstbestimmung und Abspaltung, gilt es abzuwägen, ob das Interesse der Einwohner der Region, die sich abspalten wollen, das Interesse des Volkes im ganzen Staat überwiegt, die Integrität des Staates zu erhalten.

Foto: https://www.flickr.com/photos/7455207@N05/4780884677


 

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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

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