„Die alte Bundesrepublik ist tot, Merkel hat sie gefressen“

 

von Ignatius, Student der Theologie und Geschichte, Rheinländer, früher Afghanistan-Urlauber in Flecktarn

2009 saß ich zusammen mit meinem ehemaligen Kreisvorsitzenden der SPD am Stammtisch mit sehr alten Senioren und langjährigen Mitgliedern der SPD.  Das Gespräch drehte sich um Müll am Stadtkern, Mietpreise und den Tod eines Urgesteins des Kreisverbandes, welches schon seit 1956 in die Kasse der SPD eingezahlt und noch zur Kriegsgeneration gehörte hatte. Mein Kreisvorsitzender gab eine kurze Rede zum Besten und wir ehrten die Ehefrau des Verstorbenen mit Kranz und vielen ehrlichen Mitleidsbekundungen, während wir der in zittriger Stimme vorgetragenen Erzählung über den Zweiten Weltkrieg lauschten. Die Dame vor mir, die Witwe, berichtete von den Bombenangriffen auf die Städte und wie sie als junges Mädchen miterleben musste, wie ihr Vater als Invalider heimkehrte, zwei Jahre nach Kriegsende, und dann mit einem halben Fuß und einem ganzen Fuß, bei der neugeborenen Autoindustrie anfing zu arbeiten. Schwere Zeiten.

Am Ende ging es um Kriegsgeschichten und einige der Senioren am Tisch waren noch so alt, dass sie als junge Männer 1944 und 1945 eingezogen wurden und mehrheitlich bei der Verteidigung der Rheingrenze, oder als Flak-Besatzung, mithelfen mussten. Keine Episode der deutschen Geschichte, die wir wiederholen möchten. Und dennoch stand mein Kreisvorsitzender auf und hob das Glas mit allen Anwensenden zum Gedenken und zum Dank an die Männer und Frauen im Weltkrieg und an das verstorbene Mitglied der SPD. Man sei, so sprach er, unendlich dankbar für die Kraft und den Mut der Kriegsgeneration und die unerschöpfliche Hingabe der Menschen, die Deutschland verteidigt hatten und es nach dem Krieg nicht aufgaben, sondern mithalfen es wiederaufzubauen. Selbstverständlich ging diese Aussage mit der Meinung einher, dass sich niemals wieder ein Nationalsozialismus vom deutschen Boden aus erheben sollte. Hier ging es lediglich um die Ehrung der alten Generation, die mit uns am Tisch saß, und die so viel für unser Land geopfert hatte und natürlich auch ihre eigenen Fehler begangen hatte. Das war jetzt eine Geschichte von 2009 aus den alten Bundesländern.



Kürzlich durfte ich in der Zeitung lesen, dass die Empörungsindustrie in der Presse wieder auf Hochtouren lief. Was war passiert? Nun Herr Gauland, von dem ich als echter Liberaler kein Freund und Anhänger bin, sagte: «Wir haben das Recht stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in ZWEI Weltkriegen.»

Ok. Mein erster Instinkt sagte mir, dass das eine ziemlich unglückliche Aussage war und eine, die ich so nicht stehen lassen würde. Schließlich wurden im Namen Deutschlands im Zweiten Weltkrieg auch schreckliche Verbrechen begangen und die Täter waren auch deutsche Soldaten.  Das zu ignorieren oder unter den Tisch zu kehren, wäre ehrenlos und der Deutschen unwürdig. Aber ich denke wirklich nicht, dass Herr Gauland(auch mit seinem unglücklichen Namen) damit gemeint hat, dass man die SS oder Anhänger der NS-Ideologie ehren sollte oder Stolz für die Verbrechen Deutschlands empfinden sollte. Es ging ihm wohl, nicht anders als meinem alternden Kreisvorsitzenden der SPD, um eine allgemeine Ehranerkennung gegenüber einer Generation, unserer Eltern- und Großelterngeneration, die durch Feuer und Tod gegangen ist und Dinge erlebt hat, die wir uns heute im Wohlstandsdeutschland nicht mehr vorstellen können. Nachdem aber in den letzten zehn Jahren die Kriegsgeneration verstirbt und damit auch das Andenken an den Weltkrieg aus unserer unmittelbaren Erinnerung verschwindet, scheint die Mythenbildung wieder hip zu werden. Zumindest traf mich fast der Schlag, als ich kürzlich im NDR-Radio Interview mit dem AfDler Leif Erik Holm zu hören bekam, dass die Radimoderation, deren Name mir gerade nicht einfällt, behauptete, dass Herr Gauland gesagt habe «man müsse Adolf Hitler in Deutschland wieder ehren können».  Eine astreine Propagandalüge vom NDR bzw. ein Hirngespinst von der Moderatorin, die so rein gar nichts mit der Realität der Aussage von Gauland zu tun hat, aber beispielhaft für unsere hysterischen Zeiten ist.  Wahrscheinlich ist diese betreffende Radiomoderatorin WIRKLICH der Ansicht, dass eine Art neue NSDAP mit der AfD in den Bundestag eingezogen ist. Sie glaubt vielleicht auch, dass Herr Gauland Hitler wieder ehren will und dann bald wieder Züge Richtung Dachau fahren. Dass viele in Deutschland genau diese Fantasie über die AfD glauben, weiß ich aus erster Hand, da mein unmittelbarer Umkreis ähnlich denkt bzw. vermutet.

Als häufiger Gast in den USA und eifriger Leser der angloamerikanischen Presse fiel mir sofort auf, dass es hier womöglich eine Parallele zum Wahlkampf von Trump gibt. Da war die mehrheitlich linksliberale Presse ebenfalls der Meinung, dass mit Trump die massenhafte Deportation von Migranten, der Atomkrieg und ein amerikanischer Faschismus kommen würde. Die deutsche Presse sprang auf diesen Zug mit auf ( vor allem der Spiegel, den ich mittlerweile nicht mehr abonniert habe.) Man dämonisiert den politischen Gegner und verfrachtet sich selbst durch realitätsferne Zuspitzung seiner Positionen nach Fantasia-Land.  Heute wird aus Gaulands «die Leistungen deutscher Soldaten in den Weltkriegen ehren» (er meint damit, wie ich für ihn sehr hoffe, lediglich den Mut im Kampf und ihren Durchhaltewillen im Angesicht schwieriger Situationen) ein «Hitler wieder ehren!»

Der NDR musste zurückrudern und sich offiziell für diese Darstellung entschuldigen, was ich sehr löblich finde. Sicherlich nicht ohne Druck von der AfD, die eine solche Aussage über ihren Spitzenkandidaten nicht auf sich hat sitzen lassen.

Mit dem Wechsel in das 2. Jahrtausend kam auch das langsame Sterben der Kriegsgenerationen, die noch zum Wählerpool der deutschen Parteien in unserer Bundesrepublik gehören. Das spürt man deutlich, wenn man in der lokalen Politik oder Altenpflege zu tun hat, oder in der Kirche tätig ist. Die Reihen unserer Eltern und Großeltern lichten sich und alle, die noch vom Weltkrieg wahrhaftig berichten konnten (aus ihrer subjektiven Perspektive) verschwinden jetzt. Auch die traditionsreichen Kameradschaften der Bundeswehr in der Umgebung hier, die noch in den 1990ern und frühen 2000ern häufig Veranstaltungen zum Gedenken an alle deutschen Bürger in Uniform abhielten, sind fast verschwunden. Bis vor einigen Jahren wurden sie wohl auch noch von Mitgliedern der Bundeswehr und der Landesregierung unterstützt. Mittlerweile jedoch ist es Fakt, dass man dies einfach nicht mehr tun muss. Wer 1955 in die Bundeswehr eingezogen wurde und in ihr diente, und vielleicht zum letzten Aufgebot von Hitlers-Kindersoldaten gehörte, lebt heute aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr. Insofern kann ich mir vorstellen, dass Herrn Sigmar Gabriel, meinem ehemaligen Parteivorsitzenden, die Galle hochkommen würde, wenn er sehen könnte, wie sich die SPD in ihren Hochburgen im Westen gegenüber ihrem Wählerclientel verhalten kann. Hier war das bis vor fünf Jahren noch normal, wenn man auch die Soldaten der Wehrmacht in sein Gebet einschloss und im Anschluss darüber sprach, warum Deutschland eine bessere Kinderpolitik brauch, statt mehr kulturfremde Einwanderung. Mit Andrea Nahles, Sigmar Gabriel und anderen neuen Gestalten der SPD fremdelt man hier eher und die meisten Wähler hier denken beim Urnengang nicht an Schulz, sondern an Schmidt. Nämlich Helmut Schmidt, welcher bis heute wohl der SPD einen guten Teil ihrer Stimmen verschafft. Auch lange nach seinem Tod.

Wir haben in den vergangenen Jahren anhand einer Wanderausstellung erlebt, wie einige die Millionen deutscher Soldaten des zweiten Weltkrieges in braunen, schwarzen und Feldgrauen Uniformen in einen Topf geworfen haben. Dergleichen linksextremistische Meinung sind nicht verboten, sie sind gleichwohl gefährlich. – 1992, Helmut Schmidt

Damit hat Herr Altkanzler Schmidt schon vor fast 25 Jahren gesagt, was heute längst Konsens bei vielen Schichten der bürgerlichen Landschaft ist. Linksextreme Ansichten im Bezug auf die eigene Geschichte, ihre Deutung und das eigene Spiegelbild, sind im Mainstream angekommen. Heute ist alles rechtsradikal geworden, was nicht im Kanzlerwählverein klatscht. Mein eigener Vater geht nach 35 Jahren CDU auch nur noch mit gesenktem Kopf zu den Pflichtveranstaltungen seiner West-CDU im katholischen Rheinland. An der Basis tickt man zwar noch anders und weiß trotzdem, dass die guten Tage der CDU lange hinter ihr liegen. Jens Spahn und Altmeier als Frontfiguren neben Merkel sorgen auch bei gutmütigen Anhängern, wie mein Vater einer ist, nicht für Freudensprünge. Loyalität und Gewohnheit halten ihn bei der Stange. Aber mehr auch nicht. Vor einigen Tagen standen wir gemeinsam rauchend im Garten und er sagte im halb ernst gemeinten Scherz: «Die alte Bundesrepublik ist tot. Merkel hat sie gefressen.»

 

Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F048644-0025 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0

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One thought on “„Die alte Bundesrepublik ist tot, Merkel hat sie gefressen“

  1. Schöner Artikel.

    Aber die Presse ist nicht linksliberal, sondern linksautoritär. Sie will nicht mehr berichten um die Grundlage für eine Meinung zu liefern, sondern sie will die Meinung lenken und das tut sie auch sehr erfolgreich.

    Zu dem Schmidtzitat: Ist denn nicht belegt, dass auch die Wehrmacht Dreck am Stecken hat? Da war doch mal vor so 15 Jahren diese Wehrmachtsausstellung..

    Und dein Vater hat Recht. Ich merks allgemein an der Stimmung.. so vor 10 Jahren hat man noch kritisch, nicht hysterisch, diskutiert und es gab weniger Denkverbote. Die Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft wurde durch eine wertbeliebige marktkonforme Oligarchie ersetzt.

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