„Babylon Berlin“, 1 Staffel – Überblick und Kritik

Von Cundar:

 

Die teuerste und umstrittenste TV-Produktion des deutschen Fernsehens feierte am verganenen Freitag ihre Premiere auf dem Bezahlsender Sky. Daher war sie auch umstritten, denn an der Produktion wirkten die öffentlichen Sender ARD und ZDF sowie deren Produktionsgesellschaft Degeto mit. Gebührenzahler werden allerdings erst in einem Jahr in den Genuss «kostenfreies» Sehens kommen. Außer sie investieren einen Euro, um für einen Monat auf das Ticket-System von Sky zugreifen zukönnen. Eine Kooperation über die noch zu streiten sein wird. Wenn wir aber auf das Ergebnis schauen, lohnt sich dieser Streit SEHR!

Worum geht es denn nun in dieser im Vorfeld trubelreichen Serie? Sie bassiert lose auf die Roman-Reihe von Volker Kutscher über Polizeikommissar Gereon Rath aus Köln, der als Sonderermittler in Berlin der auslaufenden 20er Jahre ermittelt. Es geht um Sittengemälde, Kriminalgeschichten, Verschwörungen und die  Spannung einer gebeutelten Weimarer Republik.



Die Reihe war auch als Comic-Umsetzung sehr erfolgreich. Was haben nun die drei Lichtgestalten des deutschen Films, Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries, daraus gemacht?

Zum einen werden Anhänger des Comics und Buches einige Szenen nahezu genau wiederentdecken. Dazwischen müssen sie sich aber mit einigen kreativen Freiheiten der Verantwortlichen begnügen, die nahezu jedem Charakter noch eine Wendung, noch eine dunklere Seite und noch ein Kontrastschema verpasst haben. Wer sich jetzt gleich in Empörung suhlen möchte, dem empfehle ich die Wischlappen, mit dem sich die armsäligen Gestalten in heruntergekommen Mietskasernen aufgrund mangelnder Duschen abwischen: Denn diese «Verdrehung» der Gestalten fuktioniert gut. Nicht perfekt aber optimal zu den ohnehin schon schwierigen Charaktären – zudem die erste Staffel sehr viel Raum für die Vorgeschichte gibt, die z.B. im Comic nur angeschnitten wird. Im deutschen Fernsehen sind diese Charaktäre selten, denn der «heroische Degeto-Ritter» (siehe das Walulis-Format zu einer Game of Thrones-Folge im ARD/ZDF-Stil) konnte wohl nur an manchen Stellen seinen verflachenden, glattpolierenden und konfromistischen «Zauber» wirken. So ist z.B. Herr Rath deutlich bräver als in den Büchern oder im Comic. Fräulein Ritter ist noch nicht Kriminalassistentin sondern einfache «Tippse» die jeden morgen um Arbeit und Lohn bangen muss, sich aber zunehmend ihre Stelle erkämpft. Diese Charakterentwicklung ermattet mitunter, dranbleiben lohnt sich aber.

Die Darsteller sind aber durch die Bank brillant besetzt und wirken nicht aus der Zeit gefallen. Ohnehin: Die Schauwerte! Was für ein Genuss! Endlich eine deutsche Produktion die in der Vergangenheit spielt ohne den Charm eines Kleinstadt-Theaters zu atmen. In manchen Szenen taucht man tief in die damalige Gemengenlage ein. Man riecht förmlich den Schweiß, die stickigen Räume, die dreckige Straßenluft und das Parfum irgendwelcher Nutten. Oder der Zuschauer möchte Mittanzen, Mitlieben oder Mitprügeln. Manche Szenen sind deutlich inszeniert andere wirken authentisch. Diese Mischung garantiert das eigentliche Ziel einer solchen Sendung: nämlich Unterhaltung. Dabei spielt die dezente Hintergrundmusik eine nicht so markante Rolle wie in dem Gangster-Epos «Peaky Blinders» der BBC aber hebt sich von dem Geigen-Gedudel-Einerlei deutscher Produktionen angenehm ab.

Noch ein Plus-Punkt: In der Serie kommen die politischen Konflikte der Zeit vor, aber ohne die ausschließliche Fokusierung auf die Nazis, wie es in zu vielen anderen Formaten der Fall ist. Dadurch wirkt sie eben nicht abgegriffen sondern erfrischend neu.

Zurecht eine neue Messlatte in der deutschen Fernsehlandschaft, die unterhält und Schauwerte liefert! Ob aber Sucht-Warnungen berechtigt sind, wird sich mit der nächsten Staffel zeigen.

Sendetermin:
1. Staffel ab jetzt in Sky.
2. Staffel ab November ebenda.

Öfftl.-rechtl.: In einem Jahr.

 

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1983-0121-500 / CC-BY-SA 3.0

 

Cundar wurde in Oberfranken geboren. Sein näheres Umfeld, Zivildienst, Pfadfindertum und ein sehr interdisziplinäres Studium präg(t)en seine Weltanschauung. Die bezeichnet er gerne als „katholisch, rechtsradikal und liberal“ (Kuehnelt-Leddihn lässt grüßen). „Katholisch“ in einem ziemlich traditionellen Sinn, „rechts“ meint patriotisch, „radikal“ im Sinne von „reaktionsfreudig“ sowie „unabhängig“ und „liberal“ im Sinne persönlichen Freiheitsdenken. Früher bei die „Jungdeutschen“. Jetzt hauptsächlich als Privatperson ansonsten hin- und wieder schriftstellerisch bei YoungGerman tätig.

2 thoughts on “„Babylon Berlin“, 1 Staffel – Überblick und Kritik

  1. Ob es bei einer Serie, die massgeblich vom ÖR Erziehungsfernsehen mitfinanziert wurde, tatsächlich nicht doch noch zu einer starken Nazi Fixierung kommt, sollte man wohl erst einmal abwarten.
    Mit den „goldenen“ Zwanzigern zu werben, obwohl die Serie im Jahr 1929 spielt, fand ich auch etwas merkwürdig, da normalerweise der Zeitraum 24-28 damit bezeichnet wird. Manches fand ich zu modern aufgesetzt, wie auch in anderen Historienserien z.B Peaky Blinders oder Boardwalk Empire, das hinterlässt immer so einen “ wir machen die Vergangenheit, so wie sie uns heute gefällt“ Geschmack.
    Bei dem Gejammer über die Frauen WC im Polizeipräsidium, habe ich schon fast eine folgende gender pay gap Diskussion erwartet.
    Der Wischlappen heißt übrigens Waschlappen, eigentlich ein ganz normales Wort hierzulande?

  2. So nach jetzt 10 Folgen, noch mal ein kurzer Zwischenstand. Das Intro im Bauhaus Design gefällt mir gut. Endlich wurden die bösen, reaktionären Deutschnationalen eingeführt, die mit ihren sinistren Plänen und mit der Hilfe des stalinistischen Sowjetrusslands versuchen, den „friedensstiftenden“ Versailler Vertrag zu unterlaufen. Was der edle Regierungsrat Benda natürlich unterbinden will. Also im Klartext, zu verhindern, das deutsche Reich wieder wehrhaft zu machen. Meiner Meinung nach, ein interessanter Punkt. In diesem Zusammenhang mußte ich auch schmunzeln, als der sowjetische Botschafter meinte, er wolle wohl seine eigenen Landsleute ausgeliefert bekommen? Die schwarze Reichswehr war zwar nach dem Küstriner Putsch von 1923 kein echtes Thema mehr, aber wer wird schon so pingelig sein? Auffällig der Hang für waffenhistorische Genauigkeit, Stichwort Gewehr 88 und MP28. Von einer Art Nachtsichtoptik im Jahr 1929, weiß ich allerdings nichts. Ging vermutlich um den unbedarften Umgang mit radioaktiven Material damals? Ob Bolschewiki in Deutschland einmal M1928A1 MP benutzt haben weiß ich zwar auch nicht, halte ich aber eher für unwahrscheinlich. Ein Massaker mit 15 Opfern, wäre aber wohl ebenso berühmt geworden, wie das Valentinstag-Massaker in Chicago 1929 mit seinen 7 Opfern.
    Die superforsche und emanzipierte Charly könnte man sich auch heute im Berghain problemlos vorstellen, auch wenn in den dortigen Darkrooms wohl andere sexuelle Präferenzen vorherrschen.
    Bisher fand ich die Serie sehr solide, nichts umwerfendes, aber für eine deutsche Produktion auf jeden Fall bemerkenswert. Natürlich nicht in der Liga wie Breaking Bad, The Wire oder anderen Formaten. Mit dem Vergleich hat sich Tom Tykwer kein Gefallen getan.

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