Ceuta und Melilla am Scheideweg : Gastkommentar

 

 

Es sind Szenen wie aus einem Zombiestreifen Hollywoods: Hunderte dunkle Leiber die an einem übermannsgroßen Grenzzaun emporklettern und sich auf die andere Seite fallen lassen. Die herbeigeeilte Polizei, von der schieren Zahl der Kletterer überwältigt, zieht sich bis zum Eintreffen von Verstärkung zurück und lässt den größten Teil der Eindringlinge ungehindert passieren. Sciencefiction? Mitnichten.

Es handelt sich um Beobachtungen des Autors bei einem nächtlichen Besuch des Grenzzauns der spanischen Exklave Melilla vor einigen Jahren. Diese Szenen lassen sich auf YouTube beliebig oft betrachten und mögen, je nach politischer Ausrichtung des Schauenden wahlweise Gruseln, Mitleid oder die nackte Angst auslösen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um einen sportlichen Wettbewerb sondern um einen, sich massenweise vollziehenden, Grenzdurchbruch. Durchbrochen wird die Außengrenze der europäischen Union. Die Festung Europa quasi. Eine durchlässige Festung, die hier ihren Belagerern in keinster Weise gewachsen ist. Nirgendwo ist die Grenze zum gelobten Land, wo Milch und Honig fließen, für Glückssucher aus allen Teilen des afrikanischen Kontinents so leicht zu überqueren wie hier, in Ceuta und Melilla. Die beiden spanischen Städte auf dem afrikanischen Festland sind seit Jahren schon schwärende Wunden in der europäischen Grenzsicherung. Dies liegt an vielen Faktoren: historischen Gegebenheiten, politischen Spielereien zwischen einer ehemaligen Kolonialmacht und einer ehemaligen Kolonie und nicht zu Letzt auch am gravierenden Unwillen eines Staatenbundes zur gemeinsamen Handlung in Fragen der inneren Sicherheit.

Beginnen wir mit der Historie: Ceuta, die kleinere der beiden Exklaven, war erst römisch, dann vandalisch, oströmisch, westgotisch und schließlich bis 1415 arabisch.

Dann wurde die Stadt von den Portugiesen im Rahmen der Reconquista erobert und gelangte 1668 an Spanien. Zum Vergleich: die letzte muslimische Stadt auf dem spanischen Festland, Grenada, wurde erst 1492 nach langer Vasallenzeit, durch die Spanier zurück erobert. Melilla hingegen ist eine der frühesten spanischen Erwerbungen auf dem afrikanischen Kontinent. 1497 wurde die Stadt von Spanien aus als Basis für künftige Unternehmungen erobert und ist somit ein Zeugnis jener Zeit, in der die Rückeroberung alter, nahtlos in die Ära kolonialer Erwerbung neuer Gebiete für die spanische Krone überging. Anders als die restlichen Eroberungen der spanischen Krone in Marokko wurden die beiden etwa gleichgroßen Städte jedoch nicht in das Kolonialreich eingegliedert sondern blieben als originär spanische Städte an der Seite des Festlandes. Nichtsdestotrotz erhebt Marokko einen Anspruch auf beide Ortschaften, den es auch von Zeit zu Zeit öffentlich untermauert. Hier also, an diesem nordäussersten Zipfel des afrikanischen Kontinents hat die EU eine direkte Außengrenze mit Marokko. Einem Land mit einer explodierenden Bevölkerung und einer stetigen Zunahme von Transitwanderern. Glücksrittern aus allen Tiefen des gigantischen Kontinents auf der Wanderung in den Norden. Bis vor wenigen Jahren war der Übertritt von Marokko nach Spanien eine Frage recht kostengünstiger Taxifahrten.



Bis 2005 Spanien mit der Ankündigung höherer Zäune dieses Leck schloss und sich daraufhin im folgenden Jahr 31 000 illegale Einwanderer in Richtung der kanarischen Inseln aufmachten. Als sich diese Zahl nach einem Einsatz der europäischen Grenzschutzagentur Frontex wieder verringerte, wuchs der Druck auf die beiden Spanischen Außenposten wieder und hat nicht mehr nennenswert nachgelassen. So hat in den Jahren seit 2008 sowohl die Zahl der spektakulären Massenübertritte, als auch die Anzahl der beteiligten Personen massiv zugenommen. So lange die Gewissheit bleibt, nahezu niemals wieder aus dem gelobten Land abgeschoben zu werden, erhöht sich eben auch der Migrationsdruck konstant. Im Schatten dieser Massenmigration hat sich die Bevölkerungszusammensetzung in den beiden Städten von Grund auf geändert. Beide Ortschaften platzen aus allen Nähten und sind im Schnitt jünger, männlicher und – wenig überraschend – muslimischer geworden. In Ceuta ist mittlerweile die Mehrheit der Einwohner muslimischen Glaubens, in Melilla soll es sich angeblich noch um eine große Minderheit handeln. Da aber mittlerweile die Stadtverwaltung den Überblick über die Zusammensetzung der Bevölkerung völlig verloren hat, darf dies getrost bezweifelt werden. In Wahrheit sind beide Städte mittlerweile Hochburgen des spanischen Extremismusproblems geworden. Die Hälfte der IS-Kämpfer mit einem spanischen Pass sollen aus den Exklaven kommen, im Stadtviertel La Canada in Melilla sind IS-Graffiti keine Seltenheit und die meisten Frauen betreten die Straße nur tief verschleiert. “Brückenkopf des Islamismus” nennt die Zeit die Exklave und zeigt mit diesem Bild, man darf vermuten unfreiwillig, das zugrunde liegende Problem sehr schön auf. Wie zwei Brückenköpfe des alten, reichen, säkularen, weißen Europas auf dem jungen, armen, religiösen schwarzen Kontinent präsentieren sich die beiden Städte. Sie sind das letzte Erbe des mächtigen Spanischen Weltreiches, die letzte staatliche Präsenz Europas auf dem afrikanischen Kontinent und stehen gerade deshalb exemplarisch für die, sich rapide zuspitzende Migrationsdynamik die unseren Kontinent erschüttert. Die Zukunft der beiden Städte wird für uns alle Menetekel unserer Zukunft sein.

 

Gastautor: Jörg Sobolewski

 


 

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