Das ewige, das große Novgorod – Tor nach Westen

Das byzantinische Reich konnte man auf dem Marktplätzen von Novgorod riechen. Hier boten die Händler feil, was in monatelangen Reisen über den Balkan, Rumänien und auf Seefahrten durch das schwarze Meer hindurch von den Oströmern ergattert wurde. Gewürze aus dem Orient, Stoffe von Übersee und Mystik aus anderen Ländern. Im großen Livländischen Krieg verzehrte das Feuer die alte Stadt, die heute seit über 1150 Jahren dort steht, wo wir sie sehen. In den Birkenurkunden wird Zeugnis davon gegeben, wie hochentwickelt und fortschrittlich Novgorod schon zu Zeiten von Kaiserin Theodora III. von Bzyanz gewesen war. Bürgertum, Kaufleute, Krieger, Soldaten, Handwerker – alles von Volk und Namen sammelte sich in Novgorod, der langen Straße nach Westen und Osten.

Novgorod straft das üble Vorurteil, in dem Russland als Domäne unterentwickelter Bauerndörfer verstanden wird, Lügen. Weliki Nowgorod war Dreh-und Angelpunkt einer russischen Identität oder vielmehr der vielen Identitäten Russlands, und muss sich vor Kiew und Moskau nicht verstecken. 82.000 Einwohner im 15. Jahrhundert fasste die Stadt und war damit so groß oder größer, als viele freie Reichsstädte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.

Von der Stadt aus, wo die Waren aus dem Herzen Russlands angeboten wurden, konnte man als Besucher vielleicht etwas von der Größe und Weite des Reiches verstehen. Pelze und Steine vom Ural, Bernstein von der Ostsee und alles umsäumt von den sanften Wipfeln uralter Ulmen, die so typisch für dieses Land sind. Und womöglich erhaschte man auch als Inlandbewohner einen Eindruck von der Größe der fremden Welt, die außerhalb der Grenzen des russischen Reiches liegt.

Novgorod steht noch, obwohl es von Iwan dem Schrecklichen niedergebrannt, von den Schweden gebrandschatzt und von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört wurde. Auf Befehl der rassisch motivierten Ideologie Himmlers zerstörte man die Archive, ein Museum und die historischen Erinnerungsstücke der Stadt, derer man habhaft werden konnte. Nichts sollte mehr darauf hinweisen, dass dies einst eine russische Stadt gewesen war. So war der Plan. Die Identität von Novgorod sollte nach dem Endsieg neu konstruiert werden als deutsche Festung im Osten. Und dabei kann man nur den Kopf schütteln, wenn man sich in Erinnerung ruft, wie Vielfältig und großeuropäisch, gar asiatisch die Identität der Stadt über die Jahrhunderte geprägt worden war. Römer, Juden, Turkvölker, Waräger-Germanen, Slawenstämme und deutschsprachige Völker – das ist nur ein Bruchteil der 1000jährigen Besiedlungsgeschichte von Novgorod, wo deutsche Kreuzritter des Deutschritterordens genauso durch die verschneiten Straßen stapften, wie ungarische Reiterfürsten.

Und trotz aller Widrigkeiten lebt und steht Novogord, die große, die ewige Stadt umringt von Mooren und Wäldern, tief verankert in der Geschichte Europas.

 

 

 

Fotos: Pixabay

 

 

 

 


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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