Wider den Hyper-Individualismus

Wir leben anscheinend in Zeiten, in denen sich mehr und mehr Menschen den Extremen zuwenden. Sie denken in absoluten Begriffen. Und dies ist besonders wahr im Kampf zwischen den libertarischen (Hyper)-Individualisten und den linken wie rechten Kollektivisten. Hier gibt es eine Frontlinie gegen die Angriffe der «Social Justice Warrior», worin einige gerade aus der skeptischen Community in ein Übermaß des Gegenteils verfallen, welches ich weder logisch noch plausibel finde: das generelle Infragestellen kollektiver Identität.

Als Soziologe mit klassischer Bildung bin ich immer noch etwas erstaunt, wie so viele Themen, die einst exklusiv in akademischen Kreisen debattiert wurden und ausführlich nur von Sozialwissenschaftlern eruiert wurden, nun so weithin im Bereich der Laien besprochen werden. Nun muss ich teilweise für die Verwirrung die Soziologen selbst verantwortlich machen. Ich bin mir im klaren, dass der Aufstieg sowohl des kulturellen Marxismus wie auch der Postmoderne hier eine verheerende Rolle auf die Debatte um Gesellschaft bewirkten, und wir erleben nun eben den Fallout dieser Entwicklung. Es gibt seit mehr als 70 Jahren einen Streit in der Soziologie, damals entfacht zwischen den marxistischen Soziologen und der positivistischen oder szientistischen Soziologie. Während der 1960er Jahre entwickelte die Frankfurter Schule, eine Gruppe marxistischer Soziologen, die sogenannte «Kritische Schule», woraus sich der Kulturmarxismus bildete. Diese stritten mit den Positivistischen Soziologen auf sehr hohem Niveau, wie Gesellschaft zu analysieren und zu beschreiben sei.

POSITIVISMUSSTREIT DER SOZIOLOGIE

Dieser Streit lief über ein Jahrzehnt und endete eigentlich nicht, man hörte nur auf, miteinander zu sprechen. Einige Protagonisten starben auch einfach. Der Streit wurde damals sehr intensiv geführt von marxistischen Soziologen und Positivisten, wobei letztere eine objektivere Soziologie forderten, quasi orientiert an den Naturwissenschaften: Reduktion auf das rein einzeln Beobachtbare. Die Kritischen Marxisten erwiderten, eine solch logizistische Reduktion der Soziologie wäre nicht kritisch genug gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten, und würde damit den Status Quo der Gesellschaft zu sehr rechtfertigen, wenn man nur beschriebe, was zu beobachten sei, und damit diene eine solche logizistische Soziologie der Macht des Establishment. Auf der anderen Seite warfen die Positivisten den Marxisten vor, durch eine Vorauswahl ihre Resultate zu verfälschen. Wahre Sozialwissenschaft habe sich eben darauf zu beschränken, nur beobachtbare Einzelphänomen zu betrachten. Nun würde es viel zu weit führen, dieses hochkomplexe Thema im Detail wiederzugeben. Ich verbrachte Jahre damit, die Argumente beider Seiten von damals nachzulesen und zu durchdenken. Eines aber müssen wir verstehen: der Kampf zwischen SJW und den Skeptikern oder libertarischen Individualisten, ist nur die Fortsetzung eines Jahrzehnte alten Kampfes, der sich von der akademischen auf die politische Ebene verlagert hat. Er wird heute aber zumeist von Amateuren und Autodidakten geführt. Ich betone das nicht, um zu demonstrieren, wie clever ich als Soziologe bin, sondern weil in vielen Debatten eben leider auffällt, dass Autodidakten doch Hintergrundwissen fehlt, da sie oft nur sehr selektiv studieren, was eben ihren Interessen entspricht und was ihre Vorstellungen bestätigt. So oft sehe ich, wie viele Probleme leicht zu klären wären, wenn wir die wissenschaftlich gesicherten Fakten einsetzen, und die allgemeinen Schlussfolgerungen von Psychologie und Soziologie besser heranzögen. Leider hält sich heute jeder für einen Historiker und Soziologen, so wie jeder sich für einen Psychologen hält, nur weil er selbst eben eine Psyche hat.

Aus der Distanz betrachtet haben sowohl die Kritischen Marxisten wie auch die Positivisten etwas für sich, ähnlich wie Aristoteles sehe ich die Weisheit eher in der Mitte, statt in den Extremen; beide Seiten haben in etwas recht, aber sie überziehen ihre Idee ins Extrem, und das betrifft auch heute die SJW und die Individualisten. Die Kritischen Marxisten hatten mit ihrer Kritik nicht ganz unrecht. Wenn sich die Sozialwissenschaft darauf beschränkt, nur das beobachtbare Verhalten der Einzelfälle zugrunde zu legen, dann handelt man wie wenn man einen toten Frosch seziert, die Einzelteile betrachtet, aber dabei übersieht, dass eine Ganzheit mehr ist als die Summe seiner Teile. Es ergibt keinen Sinn, rein logizistisch das Verhalten oder das Gehirn von Individuen zu sezieren, da Gesellschaft, Gemeinschaft, kollektive Identitäten eben Systeme sind, sie sind keine Eigenschaften der Individuen selbst, die in dem System sind, sondern quasi das dazwischen: Die kollektive Identität entsteht und erhält sich in einem andauernden Prozess der Kommunikation. Die gemeinsame Identität ist das System, bzw. wir sind alle Teil von Systemen. Darum ist es auch sinnlos, wie es libertarische Analytiker tun, Handlungen Einzelner zu beobachten, und dann zu postulieren, es gäbe gar keine kollektive Identität, weil man sie in keinem Einzelnen beobachten konnte.


Unsere kollektive Identität ist dabei nicht in uns, sondern in der Kommunikation selbst, durch die Regeln der Kommunikation des Systems wird die kollektive Identität aufrecht erhalten, also im Bezug der Einzelnen zueinander, nicht im Individuum selbst. Man hätte zum Beispiel als Mann oder als Weißer oder als Heterosexueller überhaupt keinen Begriff von seiner Identität, wenn man auf der Welt völlig alleine wäre. Ohne den anderen mit dem man sich vergleicht, oder von dem man sich abgrenzt, gibt es gar keinen Begriff des Eigenen. Daran sieht man, dass Individuen aus sich selbst gar keine sozialen Eigenschaften besitzen, die Identität hergeben. Eine individuelle Identität, im Sinne einer
Autopoiesis, gibt es gar nicht. Identität entwickelt sich immer als Prozess eines Systems, dessen Teil wir sind. Und jedes System hat dann eine Ingroup und eine Outgroup. Der Ingroup gleichen wir uns an, durch Imitation, von der Outgroup grenzen wir uns ab. Diese Outgroup, die soziale Umwelt, ist wichtig, weil wir Identität überhaupt nur bilden, indem wir etwas in Relation mit etwas anderem setzen. Das ist in der Forschung über Identität hinreichend wissenschaftlich belegt. Es ist eine laienhafte, aber falsche Vorstellung, anzunehmen, wir hätten eine von Relationen zu anderen enthobene eigene Identität, die nicht ein Prozess ist, die nicht eingebunden in Systeme ist. Der Mensch ohne Mitmenschen wäre der Mensch bar aller Eigenschaften.

Welche eigenen Gesetze und Dynamiken Systeme haben, sieht man etwa an Phänomenen wie Massenhysterien. Menschen in Gruppen entwickeln eine ganz eigene Dynamik, die man nicht fasst, wenn man Menschen auf das Individuum reduziert, und daher sind etliche Theorien der individualistischen Libertarier über Gesellschaft einfach sachlich falsch: sie basieren auf einem falschen Menschenbild, sie ignorieren wie Gesellschaft funktioniert, und was das Naturell des Menschen ist.

DIE MORALISCHE OBERHAND

Die Macht der SJW kann nicht hinreichend erklärt werden, wenn wir nicht wenigstens einen Teil ihrer ursprünglichen Ideen als berechtigt ansehen, wenn wir nicht akzeptieren, dass zumindest ein Teil ihrer Ideen die Natur des Menschen positiv anspricht. Das erklärt auch, wie hilflos die Skeptiker und Libertarier letztlich gegenüber den Linken und SJW immer wieder sind. Sie können sie zwar gut verspotten, zeigen auch Schwächen auf, aber es folgt eben nichts. Die Skeptiker bleiben so in der Kritiker- und Spötterecke, weil sie Identität und Kollektiv als Chimärenbegriff ansehen. In Wahrheit waren die SJW einmal echte Liberalisierungs-Bewegungen, und sie hatten damals historisch gute Gründe für ihre Bewegung, auch wenn man sie heute nicht mehr als liberal bezeichnen kann, sondern als progressiv-autoritär. Feminismus, Bürgerrechtsbewegungen für Schwarze oder Schwule, all diese hatten gute Gründe, gegen die Benachteiligung zu protestieren und einen gesellschaftlichen Wandel für mehr freie Selbstbestimmung zu demonstrieren. Und diese historische Erinnerung ist das Kapital, mit dem sie bis heute wuchern: wir kämpfen für den kleinen Mann, wir kämpfen für die Unterdrückten, und sind daher per Definition immer die Guten. Was sie nicht verstehen ist, dass sie heute selbst große Macht angesammelt haben, dass sie selbst Inhaber des Establishments geworden sind; sie sind in den westlichen Gesellschaften in Medien, Politik, Kultur und vielen Firmen tonangebend, während die Konservativen und Libertarier heute marginalisiert worden sind. Mancher Linke mag dies aus schlichter Naivität nicht sehen, andere ignorieren diese Änderung der Machtstrukturen mit Absicht, um den Opferstatus zu zementieren.

Die gegensätzlichen Linien lassen sich vereinfacht so beschreiben: Die SJW oder Progressiven sagen, kollektive Identität ist alles, ihre individualistischen Gegner sagen, kollektive Identität ist nichts. Eine Seite sieht alle Dinge komplett durch die Brille der kollektiven Identitäten, die andere Seite leugnet die Existenz dieser Kollektive als bloße Fantasie, als etwas Irreales. Beides sind gleichermaßen falsche Perspektiven auf die menschliche Natur. Menschen sind weder total isolierte Atome, frei aller kollektiven Identität denkbar, noch sind sie bloße Insekten oder Ameisen eines Superstaates. Wir müssen dieses Denken in absoluten Ja-Nein-Schemata durchbrechen, wenn wir hier einen sinnvollen Fortschritt erzielen wollen.

BILDUNG VON IDENTITÄT

Identität bildet sich in einem fortlaufenden Prozess, der wie ein Computerprogramm immer weitergeht. Es ist kein Ding, kein Artefakt das feststeht, auch wenn es anhaltende, gleichbleibende Merkmale gibt. Das macht seine Definition extrem schwer und einer sezierenden Analyse seiner Teile kaum zugänglich. Wer daher also fragt, aus welchen einzelnen Elementen bestehe denn eine deutsche oder schwedische Leitkultur, der beweist nur, dass er die Frage gar nicht verstanden hat, nämlich wie sich Gemeinschaft und Identität überhaupt bilden. Sie sind eben kein toter Frosch auf dem Tablett. Sie sind ein lebender Organismus, ein andauernder Prozess, der als Ganzes nicht nur mehr ist als seine Teile, sondern ein Eigenleben hat, Charakteristika, die nicht mit Strichlisten von Ja und Nein abzuhaken sind. Wäre es nicht so, wäre Soziologie keine so komplizierte Wissenschaft. Die Frage, was ist Gesellschaft, gehört mit zu den schwersten Fragen überhaupt, da der Mensch das komplexeste Phänomen des ganzen Kosmos ist! Dagegen sind schwarze Löcher oder Quantenmathematik leicht.

Identität bildet sich immer im Wechsel zwischen dem Impuls der eigenen Innenwelt, und ihrem Kontakt mit der Umwelt, der materiellen weniger als der Deutung der materiellen Welt, da ja auch Dinge nie Dinge an sich sind, sondern immer nur durch den Kontext von uns eingeordnet werden können. Ein «Wilder» etwa, der noch nie ein Auto gesehen hat, hat gar keine Vorstellung davon, was das sein mag, da ihm jeder Erfahrungsbezug fehlt. Erkenntnisse sind immer in Relationen zu etwas. Und so ist es auch mit der Identität, sie entwickelt sich im dauernden Vergleich. Dabei ist die Umwelt der dominante Faktor, durch sie setzt sich das Innere erst in Bezug. Es ist nur sehr wenigen, intellektuell erhabenen und starken Individuen vergönnt, in gewissem Maße Identität etwas freier als der Rest zu entwickeln. Das ist keine Arroganz, sondern eine extrem notwendige Einsicht. Wir, die wir uns mit Philosophie, Sozialwissenschaft, Psychologie und dem Mensch-Sein ausführlich befassen, sind nämlich Exoten, nicht die Regel. Wir sind schon Ausnahme-Menschen, weil man Ausnahme sein muss, damit der Fisch das Wasser hinterfragt. Diese Selbsteinschätzung ist ein Gebot der wissenschaftlichen Selbstkritik: man muss zur Kenntnis nehmen, dass wir als Intellektuelle, wenn ich es einmal so nenne, mit unserem starken, relativ freien Ich, uns selbst gar nicht als Beispiel nehmen dürfen. Wenn wir hier von uns auf die Masse schließen, haben wir schon einen kardinalen Fehler gemacht. Beobachtung verändert den Beobachter. Ein Mensch, der professionell Gesellschaft analysiert, der wird anders, taugt nicht mehr so fraglos zur Masse, und das ist eben nur wenigen vergönnt. In Wahrheit besteht ein Volk nie aus lauter Denkern und Philosophen, und es kann auch gar nicht so sein. Weder gibt es die Intelligenz her, noch haben die meisten, die einer 40-Stunden Arbeit nachgehen, dafür die Muße. Die weit überwiegende Zahl von Menschen wünscht sich einen geordneten, vorhersehbaren Alltag des immer Gleichen, über den sie nicht ständig reflektieren müssen, sondern der so geordnet ist, dass sie zumeist ohne aktive Reflexion in jeder Situation den erwarteten Normen gerecht werden können.

Der Hauptgrund, warum wir solche Filter der Realität vorschieben, ist, dass die Realität an sich ein endloser Ozean von Möglichkeiten ist, ein Chaos; wir wären alle total überfordert, wenn wir jedes Phänomen, jede Situation, jedes Verhalten komplett aufs neue beurteilen müssten. Das individualistische Ideal, ohne Vorurteile, ohne vorige Erfahrungen, ohne gruppenbezogenes Denken und kulturelle Prägung durchs Leben zu gehen, ist nicht nur inhuman in seiner Forderung, es ist schlicht eine Absurdität. In Wahrheit bevorzugt jeder Mensch das Bekannte und Kontrollierbare gegenüber dem Unbekannten, dem Fremden und dem Chaotischen. Es mag uns ja in der Ausnahme reizen, Risikosport zu betreiben, und eine Handvoll Exoten macht vielleicht einen Beruf daraus – ein generelles Verhalten der Masse ist dies aber nicht. So bevorzugt jeder von solchen umgeben zu sein, die denken wie er, die sich verhalten wie er, die das gleiche mögen und das gleiche hassen, und die zu seiner Gruppe gehören. Das ist ein Naturell, der auch die Skeptiker und Libertarier nicht entkommen, die ihre Kreise genauso aussieben wie alle anderen auch. Das ist keine Frage der Bosheit, sondern schlicht der Rationalität. Die Grundlage des menschlichen Daseins ist immer die Knappheit, welche uns dazu zwingt, rational zu handeln, also ein Meer an möglichen Optionen vorzuselektieren. Dazu gehört, dass wir anerkennen, dass Menschen nicht per se vernünftige, produktive und faire Wesen sind. Die Psychologie wie die Geschichte liefern uns Beispiele ohne Zahl, die die dunklen, destruktiven Abgründe der menschlichen Natur belegen. Der Mensch ist eben kein Vernunftwesen, er ist nur zur Vernunft begabt; ein Wesenskern ist vernünftiges Verhalten aber nicht. Die Vernunft ist sogar nur eine sehr dünne, zivilisierte Schicht über einem Abgrund von Trieben, und nicht einmal im Wesentlichen egoistisch oder produktiv. Wir haben Lust an Dominanz, an der Zerstörung des anderen, wir wollen uns messen, den anderen ausnutzen, um unserer Rotte zu beweisen, dass wir etwas taugen. Menschen rauben und vergewaltigen oft aus Gründen des Prestiges, nicht des objektiven Nutzens, und dies richtet sich ebenso an unsere kollektive Identität. Sie ist immer da, spielt in alles hinein, was wir tun.

Wenn 1000 Migranten auf der Kölner Domplatte deutsche Frauen vergewaltigen, dann nicht aus Triebstau, sondern weil sie einander und den Deutschen etwas demonstrieren. Den Eigenen signalisieren sie: schaut wir haben das Potenzial, Alpha-Männer in der Horde zu sein und die Deutschen bekommen gezeigt: hier, ihr könnt eure Frauen nicht schützen, ihr seid Sklaven. Das ist überhaupt nur durch die Brille sozial kollektiven Denkens erklärbar! Beharrt man hingegen auf seiner Froschperspektive des Individualismus, dann sind es eben nur lauter «unerklärliche Verrückte und Einzeltäter». Es hat hier politisch von liberalistischer Seite auch gar keinen Sinn, immer in den Raum zu werfen, dass die Leute die böse Identität abwerfen sollten. Darauf hören in der Regel eben nur die Eigenen, also die Seite, deren gemeinsame Identität ohnehin schon stark beschädigt ist, während die aggressiven Kulturen die nach Europa hineinströmen sich von libertär-individualistischen Utopien ebensowenig in Zweifel stürzen lassen wie radikale SJW, Feministen oder Kulturmarxisten. Und da ist der Punkt, an dem ich es auch für gefährliches Gerede halte. Das letzte, was die westliche Kultur braucht ist noch mehr Relativismus, noch mehr Selbst-Zurücknahme, noch mehr zweifelnde Grübelei, die allein denen weiter Vorschub leistet, die am liebsten unsere westliche Welt in Schutt und Asche sehen würden. Nach solch einem Zusammenbruch, wahlweise im Femi-Sozialismus oder Islamismus, hätten die Individualisten dann wohl auch keine Gelegenheit mehr für hochfliegende, verkopfte Utopien. Die negativen Effekte sozialer Identitäten werden nicht gelöst in dem Versuch, Identität an sich zu vernichten, sondern indem man sie umgestaltet.

Tatsache ist, dass Menschen als Individuum extrem schwache und verletzliche Wesen sind. Wir sind eben weder Bären noch Löwen. Und hier sehen es sowohl Sozialisten wie auch Libertarier gleich falsch. Sie haben beide das gleiche, falsche Bild vom Menschen, wenn auch mit gegensätzlicher Werthaltung. Beide gehen von der falschen Sicht aus, dass das Individuum die Grundlage ist, der Ausgangspunkt am unteren Ende, und das Kollektiv kommt quasi oben drauf. Für den Sozialist ist dies positiv besetzt: der Mensch fing an als verlorenes, schwaches Einzelwesen, und erbaut sich als geschichtliches Ziel das Kollektiv aller Menschen. Unten am Grunde der verlorene Einzelne, oben der Weltkommunismus, in dem der Einzelne aufgeht. Die Libertarier nehmen das gleiche, falsche Bild, nur mit anderer Bewertung. Am Anfang stand, ähnlich wie bei Rousseau, der Einzelne, der edle Wilde, frei und selbstbestimmt, aber nach und nach wurden Schichten kollektiven Zwanges darauf gelagert, wie etwas dem Individuum eigentlich Fremdes.

Die Realität aber ist, der Mensch ist von Anfang an ein Wesen eingebunden in Kollektive. Er hat überhaupt nicht als Einzelwesen gestartet, und es ist auch signifikant, dass fast alle Beispiele von Libertariern rein aus der Fiktion von Laborexperimenten stammen, und niemals aus der Ganzheit einer Gesellschaft. Individualismus ist in diesem Sinne eine bloß in der Vorstellung geschaffene Idee, die sich nirgends mit einer erlebbaren Realität deckt, außer vielleicht, man lebte als Robinson Crusoe alleine auf einer Insel, und selbst dieser meistert sein Leben dort eben auch nur deswegen, weil er vorher vom Kollektiv Fähigkeiten beigebracht bekam. Löschte man all seine Erinnerungen aus, so würde der Einzelne leben wie ein Tier. Er würde überhaupt nichts Menschliches mehr besitzen.

Das Kollektiv ist die Grundlage, die Herkunft, das zuerst Dagewesene; das Kollektiv ist quasi der Grund, unterhalb aller Dinge. Zerfällt die Zivilisation, der Staat, die moderne Ordnung, dann fallen wir nicht in die Individualität, wir fallen auf den Grund eines extrem autoritären Tribalismus. Individualismus ist dagegen ein enormer Luxus, er ist der geistige, moralische und materielle Klimmzug, den wir uns überhaupt erst dann leisten können, wenn alle anderen kollektiven Systeme rund laufen. Wenn es keine großen Engpässe der Versorgung gibt; wenn es eine Bürokratie, eine staatliche Ordnung gibt, die das Gros der Vorgänge automatisch regelt, wenn die Technik weit genug fortgeschritten ist, um uns Freizeit und Spezialisierung zu ermöglichen. Der Individualismus ist die Höchstleistung menschlicher Kultur, der größtmögliche Klimmzug einer Zivilisation. Sie ist das hohe Ideal, möglichst viel an Freiheit und Eigenheit zu erlauben, und ich bin libertarisch in dem Sinne, da ich Freiheit und Individualismus als die höchsten Ziele ansehe. Sie erfordern aber eine enorme Leistung einer weitgehend reibungslos geölten Maschine von Gesellschaft. Knappheit, Not, Verlust, Konflikte setzen der individuellen Selbstverwirklichung extrem schnell Grenzen.

DIE WEISHEIT DER BALANCE

Individuelle Selbstverwirklichung ist ein Luxusgut, ein schönes; eine Vervollkommnung der Menschheit, die ich erstrebenswert und edel finde, aber sie sind am Endpunkt, wenn alles andere geklärt ist und rund läuft: das ganze System, das «Gesellschaft» heißt. Daher ist es richtig, dass das Wohl Vieler oder Aller wichtiger ist als das Wohl Weniger oder Einzelner. Ohne die erbaute und in Gang gehaltene Zivilisation, die hohe Anforderungen stellt, ist das Leben karg, hart, kurz und durch die Zwänge primitiven Daseins extrem autoritär. Je primitiver eine Gesellschaft in technischer wie organisatorischer Hinsicht ist, umso weniger kann sie Einzelnen Freiheiten einräumen, umso mehr sind Menschen von den Sachzwängen des Überlebens beherrscht. Es ist das Bestreben aller Menschen, der Ingroup gleich zu sein, der ewigen Angst vor dem Alleinsein herr zu werden, indem wir Gemeinschaften bilden. Im Leben ist alles knapp: Güter, unsere Fähigkeiten, unsere Lebenszeit. Diese Knappheit erzwingt Gemeinschaft, und dies erschafft Hierarchien, Ideologien, Identitäten. Selbst in den kleinsten Gemeinschaften sind schon die ganzen sozialen Mechanismen angelegt, die die moderne Zivilisation ausmachen. Zivilisation ist eben nicht, wie Rousseau annahm, etwas dem Menschen Fremdes, quasi als Komplott übergestülpt, die Aufteilung in soziale Identitäten ist von Anfang her angelegt, und schreitet mit der Zeit überall fort. Die Ideologie des libertarischen Hyper-Individualismus ist ebenso eine Utopie wie sein Spiegelbild, der kollektive Marxismus, und beide sind als Extreme gleichermaßen inhuman und wider die menschliche Natur.

Die Tatsache, dass die linken SJW ihre Vorstellung von Identität zu einem absurden Extrem entwickelt haben, ist außerhalb ihres Psycho-Kultes jedermann erkennbar. Das bedeutet aber nicht, es wäre nun vernünftig, einfach in allem das Gegenteil anzunehmen. Frauen, Schwarze oder Homosexuelle z.B. haben enorme Fortschritte erzielt, und die Linken müssen dies zur Kenntnis nehmen. Andererseits aber zu behaupten, Rassismus, Sexismus und Schwulenfeindlichkeit wären zur Gänze verschwunden, und wir lebten heute in einer perfekten Meritokratie, ist faktisch ebenso falsch. In zahllosen Auseinandersetzungen habe ich erlebt, wie radikale Feministen sowie manche Vertreter von Schwarzen oder GLBT-Vertreter mit einem Furor auftreten, als lebten wir in einem entsetzlich oppressiven Patriarchat, und hört man manchen von ihnen zu, meint man, wir lebten eher in Nazi-Deutschland, als im Westen des 21. Jahrhunderts. Sie versuchen so sehr, sich in Gruppen zu isolieren, und verweigern jeder anderen Gruppe die Anerkennung, ebenfalls Opfer und Ziel von Unterdrückung und Mobbing zu sein, bis sie die Gesellschaft immer weiter spalten, in einer Art Opfer-Olympiade. Sie sehen alles nur noch durch die Brille des Opfer-Seins, und setzen jeden herab, der selbst auch behauptet, etwas erlitten zu haben, anstatt mit anderen Gemeinsamkeiten zu suchen. Anstatt die Basis zu vergrößern und Brücken zu bauen, wird sich isoliert, und man mauert sich in kleine und kleinste Gruppen. Wahr ist aber auch, dass ein weißer, heterosexueller Mann in unserer Gesellschaft einen besseren Stand hat, als sagen wir mal eine schwarze, lesbische Frau. Das heißt, auch wenn alle Opfer werden, und man sich darin verbünden sollte, sind nicht alle gleichermaßen Opfer.

Lasst mich das mit einem sehr persönlichen Beispiel untermauern. Ich lebe als schwuler Mann in einer heteronormativen Welt, und bin rein arithmetisch immer marginalisiert. So ist die normative Erwartung an mich, dass ich hetero sei, und jede Klarstellung meiner tatsächlichen Sexualität ist ein Bruch des normativ Erwarteten. Das setzt mich unter psychischen Druck der dauernden Erwartung, und macht jede Interaktion potenziell prekär. Ich muss entweder Mimikry betreiben, oder jedes mal aufs Neue kalkulieren, wie authentisch ich in jeder einzelnen Situation wieder sein kann. Das Grundproblem ist, dass Heteros oft ignorant sind anzuerkennen, wie stark Alltagsverhalten sexuell ist. Das ist auch menschlich ganz normal, aber wenn man die sexuelle Norm-Erwartung nicht erfüllt, bedeutet es einen permanentem Stress. Was tun wir also? Wir bilden Gruppen. Wir tun uns mit Menschen zusammen, die aufgrund von irgend etwas gleiche Erfahrungen haben wir wir. Das mag auf Äußerlichkeiten basieren, Rasse, Geschlecht, Ethnie, sexuelle Orientierung, oder aufgrund kultureller Gegebenheit. Es ist eine Form der Rationalisierung, der seelischen Erleichterung: Wir werden Teil einer Gruppe, eines sozialen Systems, in dem wir unsere Handlungen weniger bewusst reflektieren müssen, weil in der Gruppe der Gleichen die Spielregeln weitgehend bekannt und akzeptiert werden. Daher sind auch alle Gruppen vorsichtig, neue Mitglieder aufzunehmen – ob man einer Armee beitritt, einer Studentenverbindung oder einer Internet-Gruppe: es gibt Aufnahmeriten, Skepsis, ob der Neue sich gut einfügt – sowie Angst des Neuen, nicht angenommen zu werden. Wir fürchten die Isolation immer, weil die Gruppe, die Gemeinschaft eben unser Naturell ist, nicht das Alleinsein. Es ist eine anthropologische Erfahrung ersten Ranges. Der frühe Mensch des Jagens und Sammelns lebte in der Gemeinschaft der Höhle. Jeder Andeutung einer Ablehnung, einer Ausgrenzung, bedeutete Lebensgefahr, und aufgrund dieser Prägung reagieren wir auf Zurückweisung auch heute instinktiv stark.

Worin ich den SJW besonders vehement widerspreche ist die Methode. Sie wollen Gleichheit von oben herab als Maßnahme, als Zwang erschaffen. Sie wollen die Erfolgreichen niederhalten, nur aufgrund ihres Geschlechtes oder ihrer Rasse, und wollen selbst solche mit minderen Fähigkeiten erheben, nur um eine Quote zu erfüllen. Sie weigern sich zu akzeptieren, dass eine lebensfähige Gesellschaft etwas Gewachsenes ist, nicht etwas Gemachtes. Damit aber legen sie die Axt ans Gemeinwesen und sie betreiben nur spiegelverkehrten Rassismus. Es gibt auch das Element des Tonfalls, der Arroganz im Auftreten als sei man die heilige Inquisition selbst, welche viele ins gegnerische Lager treibt, die im Kern durchaus Verständnis für manche Kritik hätten.

Auf der anderen Seite ist die hyper-individualistische Gegen-Utopie der Libertarier, alle kollektive Identität über Bord zu werfen, ebenso unrealistisch. Diese «totale Vernunft» gegen alle menschlichen Instinkte, ist ebensosehr ein Gesinnungsterror wie der Sozialismus: der der totalen Verdinglichung des Menschen, seiner Sinn-Entleerung durch die Aushöhlung von Tradition und allen gewachsenen Strukturen, die beide, Sozialismus und Libertarismus, herausreißen wollen, bis nur ein atomisierter Mensch bar allen Seelenlebens, aller gewachsenen Gemeinschaft übrigbliebe. Menschen tun sich immer aufgrund ähnlicher Erfahrungen zusammen, was mehr und etwas anderes ist, als eine bloße temporäre Zweckgemeinschaft kapitalistischen Profites. Menschen gleicher Ethnie, gleichen Geschlechtes, gleicher Herkunft oder Schicht, gleicher Religion oder Kultur finden sich immer zusammen. Nicht wegen eines egoistischen Zweckes, den man erklären müsste, sondern weil es von Anfang an Teil unserer Natur ist, sich mit gleichen zu einem Kollektiv zu verbinden. Nicht wir müssen begründen, warum es Leitkultur gibt, denn dieses Dasein ist das Natürliche! Die anderen, welche es zerbrechen wollen, sind uns schuldig, Gründe dafür anzugeben, warum sie das Selbstverständliche niederreißen wollen! Inwiefern ihre Atomisierung der Gesellschaft ein Fortschritt, ein Mehr an Wohlleben darstellt. Wir haben Jahr-Zehntausende menschlicher Kultur als Beweis unserer Plausibilität, die ganze menschliche Geschichte, die durch gewachsene, kulturelle und ethnische Identität getragen wurde. Der, welcher dies einreißen will muss sich beweisen, nicht wir das unsere!

Man sage auch nicht, dass kulturelle Identität etwas Schwaches und Dünnes sei! Wie oft habe ich gehört, in Abgrenzung zu biologischen Charakteristika, sei die kulturelle Identität ja schwach. Nichts könnte ein schlimmerer Irrtum sein! Kulturelle Identität gehört zu den stärksten Faktoren menschlicher Geschichte überhaupt! Jeder Konflikt oder Krieg offenbart diese Wahrheit. Verletzungen einer Volksgruppe gegen eine andere überdauern im kollektiven Gedächtnis die Jahrtausende, oft schlummern sie ein, zwei Generationen, scheinbar verschwunden, nur um mit unglaublicher Brutalität wieder hervorzubrechen. Der ganze Jugoslawien-Krieg der 1990er ist ein Zeugnis dafür. Erinnerungen von Jahrhunderten brachen auf einmal wieder hervor, mündeten in Hass, Gewalt, Tyrannei und Mord. Kulturelle Traumata von Völkern halten lange Zeit an, und sie sind starke Züge der menschlichen Natur. Nichts was wir aus der Geschichte sehen, gibt uns Anlass zu glauben, wir könnten darüber hinauswachsen. Es mag verborgen liegen, wenn die Fleischtöpfe voll sind, und eine Hochkultur ein angenehmes Leben sichert, dann träumen manche von der Utopie des liberalistischen Individualismus, in der ein jeder eine Monade der Selbstverwirklichung und des fairen Handels sei, allein geleitet durch Rationalität und berechenbare Nützlichkeit, wie es eine Ayn Rand tat. Aber in Zeiten des Komforts betrügen wir uns über die wahre Natur des Menschen, welche wesentlich grausamer und chaotischer ist, als wir wahrhaben wollen. Und weil dies so ist, werden Menschen immer Gemeinschaft suchen, mit den ihnen Gleichen, in der Sicherheit einer kollektiven Identität. Die Lösung liegt weder im Kindertraum der hyper-individualistischen totalen Selbstverwirklichung, noch im kommunistischen Kollektiv des Insektenstaates, sondern im Beseitigen des Entweder-Oder. Nur eine realistische Sicht der menschlichen Natur, basierend auf einem Gleichgewicht utopischer Extreme, ermöglicht uns eine sinnvolle Weiterentwicklung der Gesellschaft.


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Holger, geboren im schwäbischen Ostalbkreis, aufgewachsen in der Havelstadt Spandau. Magister für Soziologie und Geschichtswissenschaft. Er schreibt Artikel über politische, historische und philosophische Themen. In seiner Freizeit malt er Bilder und spielt Zither. Lieblingsfilm:V for Vendetta

4 thoughts on “Wider den Hyper-Individualismus

  1. Ein Beitrag, welcher mir gut tut, denn er erläutert in klaren Zügen, was ich in mir selbst eher nebulös (als Hobby – SozioPsychologe ^^) erahnt hatte. Toller Artikel.

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