Andrzej Sapkowskis „Hexer-Saga“ – romantisch,brutal, antirassistisch und doch voll mit Pathos

„Ihr Menschen seid es, die alles hassen, was sich von euch unterscheidet, und sei es nur in der Form der Ohren“, fuhr der Elf ruhig fohrt, ohne den Gehörnten zu beachten. „Darum habt ihr uns unser Land weggenommen, uns aus unserem Zuhause verjagt und in die wilden Berge verdrängt. Ihr habt unser Dol Blathana besetzt, das Blumental. Ich bin Fidháil von den Silbernen Türmen, aus dem Geschlecht der Feleaorn von den Weißen Schiffen. Jetzt, vertrieben und an den Rand der Welt gedrängt, bin ich Filavandrel vom Rande der Welt.“

„Die Welt ist groß“, murmelte der Hexer. „Wir haben alle Platz darin.“

[…]“Torque hat die Wahrheit gesagt“, fuhr Filavandrel fohrt. „Ja, wir hungern. Ja, uns droht die Vernichtung. Die Sonne scheint anders, die Luft ist anders, das Wasser ist nicht mehr wie einst. Was wir früher gegessen, was wir benutzt haben, kommt um, verkrüppelt, verdirbt. Wir haben nie den Boden bestellt, haben im Gegensatz zu euch Menschen nie die Erde mit Hacken und Pflügen zerissen. Euch zahlt die Erde einen blutigen Tribut. Uns beschenkte sie. Ihr entreißt der Erde mit Gewalt ihre Schätze. Für uns brachte sie Früchte und Blumen hervor, weil sie uns liebte. Nun ja. Keine Liebe währt ewig. Doch wir wollen überdauern.“

„Statt Korn zu stehlen, kann man es kaufen. So viel wie ihr braucht! Schließlich habt ihr viele Dinge, die die Menschen für außergewöhnlich kostbar halten. Ihr könntet Handel treiben!“

Filavandrel lächelte angewidert. „Mit euch? Niemals.“ Geralt verzog das Gesicht, dass die Kruste getrockneten Blutes aufriss. „Hol euch der Teufel, mitsamt eurer Arroganz und Verachtung. Wenn ihr nicht mit uns zusammenleben wollt, verurteilt ihr euch selbst zum Untergang. Zusammenleben, sich arrangieren, das ist eure einzige Chance.“

Filvandrel beugte sich heftig vor, seine Augen funkelten. „Zu euren Bedingungen?“, fragte er mit veränderter, doch immer noch ruhiger Stimme. „Und eure Vorherrschaft anerkennen? Die eigene Identität verlieren? Zusammenleben als was? Als Sklaven? Parias?“ […]

 

 

Andrzej Sapkowskis «Hexer» Bücher sind auch im Deutschen ein Genuss für Augen und Seele. Immer wieder schickt er den weißhaarigen Hexer los, der aufgrund seiner Natur als Mutant dazu in der Lage ist, die Monster der Hexer-Welt zu jagen und zu töten. Einst war die ganze Wildnis voll mit Drachen, Vampiren, Barghesten und Ghulen. Aber die Zeit der Hexer nähert sich ihrem Ende, da die menschliche Rasse die Wildnis zähmt und die Städte der Menschen sich immer weiter über den Horizont hinaus ausbreiten. Wo einst Mystik und Magie herrschte und die Natur regierte, muss sie heute der Axt und dem Feuer der Zivilisation weichen. Für die eine Rasse ist es ihre große Zeit, welche die Menschen an der Schwelle zur Industrialisierung sieht. Für die anderen Rassen, die sogenannten Anderlinge, wird die Luft immer dünner und sie sehen sich immer größerer Diskriminierung ausgesetzt. Urbanisierung wirkt, auch in der spätmittelalterlichen Fantasy-Welt des Hexers. Und so müssen immer mehr Zwerge, Gnome und Elfen in die Städte der Menschen ziehen, die diese nicht selten auf den Ruinen der Anderling-Städte errichtet haben. Vor wenigen Jahrhunderten noch waren die Elfen und Zwerge die dominanten Spezies auf dem Kontinent, ehe die Menschen vom Meer aus ihren Eroberungszug starteten und die Reiche der Elfen und Zwerge zu Staub zermalmten. Heute fristen die Spitzohren ein bitteres Dasein als Bittsteller und Tagelöhner, Huren und Söldner für die Menschen in ihren Städten. Die Elfen können es den Menschen nicht verzeihen, dass diese ihren ihre Würde, Kultur und Zivilisation genommen haben und viele von ihnen, jene die sich nicht anpassen und mit den Menschen leben wollen, ziehen hinaus in den Wald und in die Berge, um dort zu sterben. Sie sterben kämpfend und rachedurstig, aber immer sinnlos. Die Demographie schafft Fakten und jeder weiß, auch die Elfen, dass die Zeit der Anderlinge abgelaufen ist. Wo sich die Zwerge und Gnome meist mit den Menschen arrangiert haben, kämpfen die Aen Seidhe ihren verbitterten Endkampf in einer Welt, die keinen Platz mehr für Andersartige hat.

Daran ist auch der Hexer Geralt von Rivia Schuld, dessen Hexerschule einst in früheren Jahrhunderten noch Heerscharen von Monsterjägern auf die wilde Welt losgelassen hatte. Mittlerweile ist er einer der letzten Krieger seiner Zunft und streift durch die Wildnis, immer auf der Suche nach Arbeit. Die Menschen, von Xenophobie und Gier angetrieben, jagen nun die letzten Bestien der finsteren Wälder und einsamen Berghöhlen und werden nicht ruhen, ehe sie alle ausgerottet und die Hexer arbeitslos geworden sind. Manchmal haben sie berechtigte Gründe die Monster zu fürchten und Geralt tut gutes, wenn er menschenfressende Ungeheuer jagt. Aber oft zieht er aus um Monster zu jagen und findet keines, obwohl eine andersartige Kreatur vor ihm steht.

«Killing Monsters» heißt der Trailer zum Witcher III Computerspiel. Ein treffend gewählter Titel für den Monsterjäger Geralt von Rivia, der auch im Mensch ein Monster identifizieren kann. Mörder, Vergewaltiger, Plünderer: die Hexerwelt ist brutal und doch romantisch. Eine Lobpreisung Europas, bis zum Platzen gefüllt mit den mittel- und osteuropäischen Märchen, die neu von Sapkowski verpackt und chemisch gereinigt werden. Prinzessinnen werden nicht wachgeküsst, sondern höchstens geraubt, gehandelt und geschändet. Wer nicht bei drei auf den Bäumen ist, kann schon mal Opfer eines Pogroms werden, wenn der wütende Mob Jagd auf Anderlinge macht und Elfen wie Zwerge an Bäumen aufhängt. Umgedreht schießen die an Hass und Rachsucht erkrankten Aen Seidhe, die sich zusammen mit Zwergen in den Wäldern verstecken, auf jeden Menschen den sie sehen. Sie töten und schänden im gleichen Maße und machen die Politik von Auge um Auge und Zahn um Zahn.

Wie kann es in dieser hässlichen Welt noch Schönheit geben? Sapkowski findet sie und kreiert sie immer wieder. In den Interaktionen zwischen den Charakteren, in der zwischenmenschlichen Liebe und Freundschaft und in der Gewalt seiner Worte. Dunkle Kiefernwälder und verfallene Ruinen, egal wohin der Hexer geht, fühlt man sich als Leser in das europäische Mittelalter zurückversetzt. Die Grimsmärchen erwachen zu neuem Leben und mischen sich mit den abgedrehten Steampunk-Elementen einer halbindustriellen Gesellschaft. Die Welt des Hexers könnte auch Mitteleuropa mit seinen Konflikten und Zerwürfnissen sein. Voller Hass, aber auch Schönheit, Eleganz und Romantik.  Gefickt wird auch mal, ganz locker nebenbei oder eben verliebt und romantisch, als Ende einer zauberhaften Reise. Es sind die Abenteuer eines Anderlings, eines Mutanten, eines Monsterjägers, der in der normalen Zivilisation keinen Platz hat und doch in ihr Leben muss. Kein Kapitel der vielen Bücher vergeht, ohne dass wir einen Einblick in die Vielschichtigkeit des Menschen und seiner Gesellschaften erhalten. «Monster!» schreien die Kinder, wenn sie den katzenäugigen Hexer vorbeischleichen sehen und man jagt Geralt gerne mit der Mistgabel aus dem Stall, wenn nicht gerade ein achtköpfiges Ungeheuer den nächsten Fluss bewohnt. Denn dann brauch man ihn wieder und ruft den Hexer herbei, damit er die Drecksarbeit erledigt. Ein Mann wie Geralt findet nur wenige Freunde und die er findet, sind dann wieder Gold wert. Menschen, Magier, Elfen und Zwerge. Ein Konsortiums der Andersartigen und der Vielfalt in einer sehr spannungsgeladenen Welt. Politischer Realismus durchzieht die Handlung durch und durch, wenn Königreiche miteinander um Land und Geld streiten und die marodierenden Soldaten des einen Reiches dann durch die Dörfer des Feindes ziehen, um so richtig zu morden und zu brandschatzen. Moral ist eine Sache, die Geralt von Rivia immer nur mit sich selbst herumtragen muss und jeden Tag aufs neue wenden und bewertet. So manch ein Monster entpuppte sich schon zu oft auch als sanftmütige Seele, die den Tod nicht verdient hat, nur weil es anders ist. Und manchmal erweisen sich auch die Vorurteile wieder als richtig, wenn einem die Gegner, die man eigentlich schonen wollte, trotzdem einen Pfeil hinterher schießen.

Geralts Welt ist von Kulturen und Nationen bevölkert, die alle verschieden sind und miteinander nicht immer gut Kirschen essen können. Aber zentrales Element bleibt ihre Andersartigkeit. Krieg und Rassismus sind allgegenwärtig. Aber sie sind auch, trotz der Person Geralts, unbezwingbar und unabänderlich für unseren Hauptcharakter. Am Zustand der Welt wie sie ist, kann Geralt meist nicht viel ändern. Aber er tut was er kann, wo er kann.

Nowigrad, Temeria, Kaedwinn. Die Reiche und Städte könnten auch genauso gut in Polen, Russland und der Ukraine liegen. Ein wenig von der Vielvölker-Mentalität dieser Staaten hat sich mit Sicherheit auch in den Hexer-Büchern wiedergefunden. Zwischen Zusammenleben, Pogromen und katastrophalen Kriegen, gibt es auch immer wieder Platz für die kleinen Details, wenn Sapkowski aus einer Nebengeschichte plötzlich den größten Plot-Twist des Jahres zaubert.  Sapkowskis Werk verstehe ich als eine Ode an Europa, an seine Vielfalt, seine Konflikte und die vielen Identitäten. Es ist auch eine Absage an Rassismus und Krieg, die den Menschen in seinen Büchern stets nur Schlechtes bringen. Aber man kann auch nicht sagen, dass das Aufeinander- und Zusammenleben auf Zwang den Menschen, Elfen und Zwergen einen Gefallen getan hat. Die Menschen sehen ihren nahenden Sieg bereits am Horizont und wissen, dass es nur noch wenige Jahrzehnte oder vielleicht ein Jahrhundert dauern kann, bis die letzten Elfen ihren stolzen Atem ausgehaucht haben. Aber da denken die Aen Seidhe auch anders und auf eine Weise, die für die Menschen nicht nachzuvollziehen ist. Die Andersartigkeit ist echt und authentisch. Jeder hat am Ende seine eigene Identität, die nicht mit den anderen kompatibel sein muss. Magier, Monster, Zwerge, Menschen, Elfen. In seinem Umgang mit all diesen Wesen bewertet Geralt vor allem den Charakter. Die reale Welt sieht aber die Zwiste, die unter diesen Parteien immer wieder aufkeimen. Und da ist man vielleicht realistisch genug und erkennt an, dass mit dem Ende der Anderlinge der Konflikt zwischen den Menschen untereinander auch nicht unbedingt aufhören würde.

«Eines Tages wird der letzte dümmliche Menschenbarbar auf einem Berg voller Schädel stehen, die Keule in die Luft strecken und rufen: Ich gewinne!» – Ein Elf

Die Welt sei doch groß genug für alle, ruft der Hexer den Elfen zu. Platz ist doch da, damit jeder Leben kann, ohne dem Anderen das Leben schwer zu machen. So kann man vielleicht den Hexer verstehen, wenn er dazu rät sich die Welt in Frieden zu teilen.

 

 

 

 

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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