Zu Besuch bei Mütterchen Russland

Russland! Das ist ein altes Mütterchen, ein kampfesmutiger Bär, Väterchen Frost, große Armut, großer Prunk, Militärparaden, tiefes Leid, beispiellose Duldsamkeit, Improvisationsvermögen und eine stattliche Rammstein-Fangemeinde. Das sind unterbezahlte und überarbeitete griesgrämige Kassiererinnen im Laden und große Gastfreundschaft. Während ich in landestypischer Manier geröstete Sonnenblumenkerne nasche, schreibe ich meine jüngsten Gedanken zu Russland nieder. Ich habe gerade eine Reise nach dem gigantischen, vibrierenden Moskau, über das alte Hansekontor Weliki Nowgorod (Neugarten) und nach der Schöpfung Peters des Großen, St. Petersburg, hinter mir.

An der Landstraße sitzen Frauen und preisen selbst eingekochtes Obst zum Verkauf an. In einem Supermarkt an der Landstraße werden Militärparkas angeboten, doch nicht nur russische, sondern auch ein deutscher Nässeschutz mit Hoheitsabzeichen. Auf den brachliegenden Feldern des weiten Landes wachsen Gras und Büsche. Es ist traurig anzuschauen, dass das größte Land der Erde, mit natürlichen Rohstoffen und fruchtbarer Erde gesegnet, seine Lebensmittelversorgung nicht selbst gewährleisten kann. Vor dem Ersten Weltkrieg hat das noch sehr gut funktioniert, in der Sowjetunion aber haben die ineffiziente Planwirtschaft und die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft zu hohen Reibungsverlusten geführt. Ernten verfaulten auf den Feldern und die Bauern lebten von dem Bisschen, was sie in der Freizeit im eigenen Garten anbauten. Für Rüstung und Raumfahrt war immer Geld da, aber das Volk konnte das Land kaum ernähren. So musste die Sowjetunion Lebensmittel aus dem Westen importieren. Als nach der Wende einige Wenige bei der Privatisierung der ehemaligen Staatsbetriebe große Reichtümer anhäuften und zu Oligarchen aufstiegen, ging die Landwirtschaft völlig in die Knie. Heute scheint sich die Lage etwas zu bessern: Als der Westen wegen der Krimkrise Sanktionen gegen Russland verhängte, erließ Putin Gegensanktionen, die die Einfuhr von Lebensmitteln aus der EU verbieten. In der Folge entwickelt sich die Landwirtschaft in Russland wieder langsam. Vermutlich wäre die beste Strategie, Russland zur Selbstversorgung zu verhelfen, eine Kombination von Einfuhrbeschränkungen bzw. Zöllen und einer Förderung der Industriezweige, die mit der Landwirtschaft zusammenhängen, wie z.B. der Transportbranche.

Die Bevölkerung Moskaus, St. Petersburgs und generell des europäischen Nordrusslands erscheint für das deutsche Auge sehr homogen. Die alten Frauen auf dem Lande und auch manche jungen Frauen in den Kirchen tragen Kopftücher, aber muslimische Migranten sieht man nur sehr wenige. Russland ist zwar ein Vielvölkerstaat, der muslimische Tschetschenen, kaukasische, zentralasiatische und sibirische Völker einschließt, und die allgegenwärtigen Bauarbeiten in Moskau werden zum großen Teil von Arbeitern aus dem Kaukasus und Zentralasien verrichtet; Kirchen besichtigende Schulklassen sind aber weitestgehend ethnisch russisch. Asylmigranten gibt es, diese sind allerdings nur auf der Durchreise, besorgen sich schrottreife Autos, von denen es viele in Russland gibt, und fahren damit nach Finnland. Der demographische Wandel hat auch Russland ereilt, wo viele Ehen geschieden werden und viele Männer ein ernstes Alkoholproblem und keine hohe Lebenserwartung haben. Dennoch scheint Zuwanderung entgegen der gängigen Meinung in Kreisen der OECD und der EU dort keine Option zu sein.

In Deutschland gibt es das Klischee, dass junge Russinnen in der Öffentlichkeit vergleichsweise stark aufgetakelt sind. Das kann ich nicht bestätigen. Nach meiner Beobachtung ist ihr Äußeres in der Regel betont femininer als in Deutschland, was Kleidung und Frisur betrifft. Ihre männlichen Partner haben meist ein betont maskulineres Erscheinungsbild und eine entsprechende Ausstrahlung. Die Geschlechter sind in Russland stärker akzentuiert, als dies im Durchschnitt in Deutschland zu beobachten ist. Wenn man für solche Dinge ein Auge hat, ist es wirklich nicht zu übersehen.

Es gibt einen augenfälligen Unterschied zwischen den Zentren der russischen Metropolen und dem Rest des Landes: Insbesondere in Moskau und weniger deutlich in St. Petersburg sind die Fassaden renoviert, allenthalben wird abgerissen und gebaut, Putzkolonnen durchstreifen die Parks. Obdachlose bekommt man nur ganz vereinzelt zu Gesicht. Der Kontrast zu mit Migranten und Obdachlosen angefüllten Städten wie Paris und Brüssel könnte kaum stärker sein. Es ist klar zu sehen, dass die Obrigkeit in Russland in ein tadelloses Erscheinungsbild der von zahlreichen Touristen besuchten Stadtzentren investiert. Fährt man in die Randbezirke der Großstädte, häufen sich die gigantischen, schäbigen Mietskasernen mit winzigen Wohnungen, von denen viele die Balkone verkleidet haben, um etwas mehr Wohnraum zu gewinnen. In Kleinstädten reihen sich viele schiefe Holzhäuser, neben denen rostige Ladas parken, an wenige Häuser von Wohlhabenden, die auch in Deutschland stehen könnten, mit westlichen Limousinen. In der Regel teilen sich beide die gleiche unbefestigte und von Schlaglöchern geprägte Schlammpiste. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die öffentliche Infrastruktur schlecht und die Unterschiede zwischen Arm und Reich sehr groß sind. Eine Mittelschicht wie in mitteleuropäischen Gesellschaften ist kaum vorhanden.

Die Folgen der ineffizienten Planwirtschaft und der Wirren der Wende sind überall zu sehen. Technische Geräte vom Föhn im Hotel bis zur Straßenbaumaschine kommen in der Regel aus Deutschland und anderen westlichen oder fernöstlichen Ländern. Nur noch wenige kleine, eckige russische Autos fahren zwischen der großen Masse der modernen Autos internationaler Marken, die man auch auf deutschen Straßen sieht. Ausländische Autos sind ein Statussymbol geworden und die russische Wirtschaft hat nichts Vergleichbares zu bieten. Ich hadere mit mir, ob ich diese Nachfrage der Russen aus der Sicht ihres Volkes unpatriotisch finden soll. Doch ich halte mich bescheiden zurück, da ich selbst nicht die Erfahrung einer viele Jahrzehnte anhaltenden Mangelwirtschaft gemacht habe, die immer Geld für Raketen, aber keines für Strumpfhosen hatte. Ich hatte in Russland unter anderem nach Anzeichen eines Gegenentwurfs zum westlichen Modell des Zusammenlebens und des Wirtschaftens gesucht. Doch der westliche Kapitalismus hat der Gesellschaft und dem Land seinen Stempel aufgedrückt und baut das Land weiter um. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die in utopischer Weise ein Gegenmodell verhießen hatte, folgte die totale Verarmung der Bevölkerung durch die Geldabwertung im Jahre 1998, grassierende Arbeitslosigkeit, zu niedrige Löhne und zu hohe Preise. Heute spricht zwar nur eine Minderheit der Russen eine Fremdsprache, aber seit der Wende haben sich bezeichnenderweise zahlreiche Anglizismen in der russischen Sprache breit gemacht. Begriffe wie „Fitness Club“, „Super Market“, „Business“, „Service“, „Leasing“ und „Second Hand“ werden zwar in kyrillische Schrift übertragen, signalisieren aber den vom sowjetischen Gegenentwurf enttäuschten Menschen ein Versprechen von Wohlstand und Status. Heutzutage sind viele westliche Konzerne in Russland vertreten wie McDonald‘s, Burger King, H&M, Ikea, Deutsche Bank, Allianz, Shell, Gucci und alle möglichen Automarken. Russische Marken sieht man seltener, so z.B. die Tankstellen und Bankfilialen von Gasprom. Eingedenk der historischen Enttäuschung des Sehnens der Russen macht es mich etwas traurig, diese Verhältnisse zu sehen, aber auch weil es zeigt, dass ein effektiver Gegenentwurf zum globalisierten Kapitalismus neue Wege beschreiten muss.


Vor lauter Westbindung Deutschlands und Einschränkung der Wahrnehmung auf die Zeit seit 1933 wird in Deutschland heute leider oft die großartige geschichtliche Beziehung zwischen Russland und unserer Heimat übersehen. Dies hat sich u.a. in etlichen Wörtern deutscher Herkunft in der russischen Sprache niedergeschlagen, z.B. Rucksack, Marschroute, Schlagbaum, Kiel, Buchhalter und Postamt. Deutsche und Russen waren schon seit dem Mittelalter wichtige Handelspartner. Die Hanse hatte ein Kontor in Weliki Nowgorod und so gab es reiche Kontakte und Handelsbeziehungen quer durch Europa. Noch heute zeugt davon das Portal einer alten Kirche im Kreml von Nowgorod, das in Magdeburg gefertigt wurde. Es gab über viele Jahrhunderte intensive verwandtschaftliche Verflechtungen durch strategische Heiratspolitik zwischen russischen und deutschen Adelshäusern. Zar Peter der Große reformierte Russland und verschaffte seinem Reich eine Stellung auf Augenhöhe mit anderen Großmächten. Dazu holte er Handwerker, Architekten und Wissenschaftler aus mittel- und westeuropäischen Ländern nach Russland, darunter viele Deutsche. Weniger bekannt ist, dass die Nachfahren der deutschen Ordensritter im ehemaligen deutschen Ordensstaat im Baltikum nach der Einverleibung des Baltikums durch Russland vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg hohes Ansehen genossen und führende Positionen in der russischen Armee und Wissenschaft einnahmen. Ebenfalls im 18. Jahrhundert lud die aus dem Haus von Anhalt-Zerbst kommende Zarin Katharina die Große zahlreiche Deutsche als freie Bürger zum Siedeln an die Wolga ein. Später in der Sowjetunion hatten sie bis 1941 noch eine eigene Autonome Sozialistische Sowjetrepublik. Dann jedoch ließ sie der misstrauische Stalin in den Osten deportieren und zur Zwangsarbeit knechten. Dies ist die Geschichte der Russlanddeutschen, die seit den 1990er Jahren zu uns kommen. Im Bewusstsein all dieser Beziehungen zwischen beiden Ländern ist es traurig zu sehen, was im 20. Jahrhundert daraus geworden ist. Wir sollten die Zerwürfnisse überwinden und an die glorreiche Vergangenheit anknüpfen.

Nach der Enttäuschung des Kommunismus und den wilden Jahren nach der Wende hat sich der unerschütterliche Pragmatismus der Russen bewährt. Angesichts der ideologischen Trümmer besinnen sich manche auf die orthodoxe Kirche, die nun wieder erstarkt ist. Propagandistische Massenveranstaltungen wie Militärparaden zum 9. Mai (Tag des Sieges 1945) und Musikfestivals zum 22. Juni (Beginn des „Vaterländischen Krieges“ 1941) halten die Erinnerung an glorreiche Aspekte der russischen Vergangenheit lebendig und stiften sozialen Zusammenhalt. Dieser wird angesichts der großen Armut auch gebraucht. Dennoch hatte ich als Ausländer und insbesondere als Deutscher nicht das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Anders als es die westlichen etablierten Medien vermitteln, bekommt man in Russland keineswegs den Eindruck, Russland stünde kurz davor, den Dritten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Russland ist ein faszinierendes Land der Gegensätze, von dem wir auch lernen können. Wir sollten viel mehr tun, einander besser zu verstehen und gemeinsame Interessen zu verfolgen.

 


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Reisig erblickte in der Pfalz das Licht der Welt. Nach dem Abitur und dem Wehrdienst studierte er eine Naturwissenschaft. Währenddessen engagierte er sich vorübergehend in der politischen Linken. Dabei galten ihm stets das Wohl des deutschen Volkes und die Begegnung der Völker auf Augenhöhe als höchstes Ziel. Später nahm er vom gesamten etablierten Parteienwesen Abstand. Er hat nach seiner Promotion ein Jahr in den Vereinigten Staaten verbracht und lebt heute in Süddeutschland. Er schreibt auf Reisigs Blog, die Jungdeutschen und Young German.

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