Die vielen Jahre des Zorns

Der Patient hat Schmerzen. Also bekommt er Tabletten gegen den Schmerz. Er fängt an zu bluten und man klebt ihm ein Pflaster auf die offene Wunde. Er klagt, weint und schreit, also sediert man ihn, damit er endlich still ist. Kurz darauf bekommt er Ausschlag und Fieber. Also gibt man ihm Salbe gegen den Ausschlag und ein kaltes Handtuch gegen das Fieber.  Und morgen früh ist der Patient tot. Aber warum?

Weil die äußeren Blutungen und Veränderungen seiner Haut nur äußere Symptome einer tiefer liegenden Krankheit sind. Unser Patient heißt Europa und Europa leidet an multiplen Organversagen. Die Ärzte Europas, unsere Politiker, erkennen die äußeren Symptome jedoch nicht als Indizien für die inneren Verletzungen des Patienten, sondern versorgen, wenn überhaupt, nur notdürftig die äußeren Wunden. Während die Weltbevölkerung unseres Planeten sich in wenigen Jahrzehnten auf 10 Milliarden gesteigert haben könnte und allein Afrika bis 2050 eine Menschenmasse von 3 Milliarden Menschen an den Spieltisch bringt, redet man in Talkshows bundesrepublikanischer Politik über mehr Polizisten, um die inneren Unruhen im Staate in den Griff zu kriegen. Es ist das politische Pflaster auf der Bauchwunde, welches sich vollsaugen und im Wundkanal untergehen wird. Ein jährlicher Influx von mindestens 250.000 und mehr Migranten allein in Deutschland wird dafür sorgen, dass alsbald auch ein halbmilitarisierter Staat, ein neumoderner Leviathan, der Situation nicht mehr Herr werden kann. Und dabei kann man nicht einmal sagen, dass die Probleme nicht grundlegend identifiziert und angesprochen wurden. 1999 warnten führende Köpfe aus der CDU vor «Bürgerkriegsszenarien» in Deutschland, welches von ethnischen und religiösen Unruhen erschüttert werden könnte, wenn man die Zuwanderung nach Europa nicht grundlegend überdenke, kontrolliere und einschränke. Multikulturalismus, soweit war die Debatte damals eigentlich schon, hatte sich erledigt gehabt.  Auch in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie gab es schon Köpfe, die eine zunehmende Bedrohung der innerstaatlichen Ordnung und des Friedens erkannten und davor warnten. Und dennoch ist es so gekommen, dass mit dem Jahrtausendwechsel eine Ära anbrach, die ich heute rückblickend als einen Wendepunkt in der innereuropäischen und innerdeutschen Gesellschaft ansehe. Man hat in den Jahren 2001+ wider besseren Wissens die Dinge einfach laufen lassen. Obwohl sich die möglichen Katastrophen der Zukunft schon damals abzeichneten, wurde politisch kein Kurswechsel durchgeführt. Ich erinnere mich noch recht gut an die Ermordung von Theo Van Gogh in den Niederlanden. Der prominente Islamkritiker und Nachfahre des berühmten Malers wurde auf offener Straße von einem Islamisten niedergestochen und getötet. Rückblickend empfinde ich diese Tat umso mehr als Zäsur in der europäischen Geschichte. Denn ein Kritiker des Islam lebt heute gefährlicher als einer, der die katholische Kirche verbal attackiert. Ein Kritiker der AfD, des FN oder einer solchen Idee wie der Leitkultur hat in Deutschland und Europa wenig zu befürchten.

Hätte man der Generation meiner Eltern 1970 erzählt, dass sich eines Tages riesige Gruppen von Kurden und Türken in Frankfurt Straßenschlachten liefern würden, während schwedische Migrantenvorstädte in Flammen aufgehen und ganze Bezirke von Frankreich in regelmäßigen Abständen von sozialen, religiösen und ethnischen Unruhen heimgesucht werden, hätten sie wohl gelacht. Als ich noch zur Schule ging und davor warnte, dass Europa, wenn nicht eine Wende in der Integrations/und Migrationspolitik eingeleitet wird, mit einem Problem leben wird, welches dem Kontinent im wahrsten Sinne des Wortes über den Kopf wachsen könnte, würde ich belächelt.

Klimaveränderungen, Desertifikation Afrikas, Hungerperioden, Armut, Krieg und soziales Elend belasten die Länder südlich und östlich Europas, wo gerade trotz all dieser Schwierigkeiten eine Bevölkerungsexplosion geschieht, welcher wir uns hier auf dem kleinen Kontinent nicht entziehen können. Die Welt ist global geworden und die Tage sind gezählt, wo man den Blick nicht mehr über den Tellerrand des eigenen Dorfes richten konnte. Was in Syrien, Angola und Kongo passiert, betrifft uns letztendlich auch. Die Erde der nächsten 50 Jahre wird Prozesse erleben, die alle Länder und Staaten durchschütteln werden. So gerät unsere Weltordnung, die Sicherheit in der grotesken Zerstörungsangst des Kalten Krieges, aus den Fugen. Peter Scholl Latour mahnte es an und seine Worte fanden ein Echo in der angloamerikanischen Politologie. Wir erleben nichts anderes als ein Zeitalter der Auflösung.

Man steht heute vor Menschen, die einen fast wöchentlichen Terrorangriff in Europa erleben dürfen und immer noch nicht verstehen (wollen), dass hier Dinge durch Ignoranz in Gang gesetzt wurden, die sich nicht mehr ohne drastische Maßnahmen aufhalten lassen können. So darf man jetzt hören, dass das europäische Haus brennt, die Briten ausgetreten sind, die Osteuropäer blockieren und Italien und Griechenland in einem nicht enden wollenden Strom aus Migranten ertrinken. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Ursachen für diese Fluchtbewegungen und Wanderungsströme behoben werden. Im Gegenteil: man geht davon aus, dass bis 2050 sich die Zahl auf 1 Milliarde erhöhen könnte. Wanderungsdruck verstärkt sich dort, wo bereits viele Menschen wegziehen. Pull-Faktoren und die Hoffnung auf ein besseres Leben lassen Millionen den gefährlichen Weg nach Europa antreten, wo sie auf die alternden europäischen Gesellschaften treffen, die diesem Clash of Civilizations nicht standhalten können. Wer war denn wirklich jemals für eine 0% Einwanderung? Kaum einer vertrat diese Meinung oder die Ansicht, dass man nicht auch einen kleinen Teil Fremder aufnehmen und akzeptieren könne. So war die Welt schon immer und man kann sagen, dass dies auch immer schon gut funktionierte. Was nun auf uns zurollt ist jedoch keine Zuwanderung im eigentlichen Sinne mehr, sondern eine globale Krise.

Die Süd zu Nord Migration macht weltweit alleine 35% aus. Das sind 81,9 Millionen Menschen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen in Richtung geographischen Norden bewegen. Ein nicht unerheblicher Teil davon möchte in die entwickelten Industrienationen des globalen Nordwestens: Usa, Kanada, Europa.  Und wo sie flüchten, folgen dementsprechend umso mehr Menschen den bereits abgetretenen Pfaden der Leute, die keine Hoffnung mehr in ihren Heimatländern sehen. Der Abwanderungsdruck erhöht sich also dort, wo bereits viele Menschen abwandern. Ein Teufelskreis entsteht. Das gilt übrigens auch für Europa, wo Juden den Kontinent in immer größeren Zahlen verlassen und auch die Deutschen, das sollte man nicht vergessen, suchen ihr Glück anderswo. Deutschland ist ein Zuwanderungsland und ein Abwanderungsland geworden. Für die Mahner vor zwanzig Jahren, die vor den sich bildenden Kolonien anderer Völker und Kulturen warnten, die sich eben nicht in eine freie Gesellschaft eingliedern wollen, weil sie selbst eine starke Gruppenidentität mitbringen, gibt es heute späte Genugtuung. Alles wovor sie gewarnt haben, ist auch genau so eingetreten oder entwickelt sich in diese Richtung. Während also die britische Polizei trotz massivem Aufgebot aller Kräfte mehrere Tage brauch, um die Migrantenunruhen in britischen Städten zu beruhigen, potenzieren sich die bereits existierenden Probleme, denen man erlaubt hat zu wachsen. Die multikulturelle und linksliberale Gesellschaft bietet keinen Klebstoff für das Zusammenleben, außer die bleichen Rechtsnormen der jeweiligen Landesverfassungen. Integration und seine Folge, die Assimilation, hat bei Millionen, denn vom Einzelfall rede ich hier nicht, keinerlei Früchte getragen.

Westeuropas Organversagen ist der Verlust oder eher die bereitwillige Selbstaufgabe seiner Gruppenidentität. Das Mosaik der Welt im Kleinen ist ein Projekt, das so nur scheitern kann, wenn eine Mehrheitsgesellschaft ihre eigene Gruppenidentität und damit auch in Konsequenz die eigene Staatlichkeit preisgibt, um die Neuankömmlinge zu bezirzen. Woher soll denn die integrative Kraft für die nächsten zwei, drei oder vier Millionen herkommen, welche an den Rändern Europas auf Aufnahme warten? Prozesse wie Anpassung, Einbürgerung und Nationalisierung der Einwanderer sind Dinge, welche im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten durchgeführt wurden. Heute aber erleben wir die dramatische Beschleunigung der Migration, die keine Chance mehr auf Anpassungs- und Abgleichungsversuche lässt. Wer glaubt denn, dass die neuen Mehrheitsgesellschaften in den sich bildenden Ghettos Europas die Verfassung als ihr identitätsstiftendes Heiligtum ansehen werden?

Im weichen «Underbelly» Europas brodelt ein Zorn kommender junger Männer, die uns nicht verstehen werden und die wir nicht verstehen werden. Mit klügerer Politik hätte man, da bin ich mir recht sicher, diese Probleme vor zwanzig Jahren noch leichter in den Griff bekommen können. Wenn man definiert hätte, wer, wann und wie viel zu uns kommen darf und welche Forderungen wir an ihn stellen. Aber nun bewahrheitet sich wohl eher das, was Machiavelli warnend stets betonte:

 

„Die Dinge können schnell wieder gerade gerückt werden, wenn das nahende Unglück schon früh vorhergesehen wird. Aber wenn es nicht vorhergesehen wird und ihm erlaubt wird zu wachsen, sodass Jedermann es sehen kann, dann gibt es dagegen kein Mittel mehr.

 

Nun wo das Kind in den Brunnen gefallen ist und jeder mit zwei Augen und einem Stammhirn erkennen kann, dass etwas grundlegend schief läuft, brauch man auch nichts mehr sagen. Unkenrufer behalten zwar Recht, hätten sich aber lieber geirrt. Denn davon wird der innere Frieden auch nicht mehr gerettet. Mir persönlich bleibt die Gewissheit, dass wenn man heute nach drastischeren Mitteln sehnt und betont, dass man diese unbedingt brauch um die Situation noch zu retten (weil man das vor Jahren schon mit milderen Mitteln hätte tun können, aber versäumte), in deutschen Landen schon als Extremist gilt. Was für die CDU 2000 noch eine intern schon eher gemäßigte Position war, macht einen heute zum Neo-Nazi Abklatsch. «Literally Hitler», wenn man die Ausweisung von illegalen Migranten, Kriminellen mit ausländischer Staatsangehörigkeit und die Schließung islamistischer Gotteshäuser fordert.  Und das ist dann innerhalb eines rechten Spektrums immer noch keine radikale Position, sondern eine, die beinahe sanftmütig daherkommt.

Aber wenn das dann schon rechtsradikal sein soll, dann halte ich es lieber mit Rüdiger Safranski und sage:

Vor dreißig Jahren war ein Rechtsradikaler noch ein Faschist oder ein Nationalsozialist. Wähler der NPD galten als rechtsradikal. Später galten alle als rechtsradikal, die sich rechts von der CDU verorteten. Heute ist der Begriff inhaltsleer. Potenziell rechtsradikal ist jeder, der sich nicht selbst als links bezeichnen mag.

 

Der selbsternannte linke Moralist darf dann, wie ein Höhlenmensch gekleidet, sofern ich mich nicht grundlegend irre, auf den Trümmern eines brennenden Europas stehen und rufen: «Wenigstens war ich nicht rechts!»

Und wenn ich falsch liege und sich am Ende alles zum Guten wendet, der kantsche Ewige Frieden einkehrt und wir wie nach Francis Fukujama das Ende der Geschichte erleben, würde ich mich wirklich freuen. Denn dann können wir ja in Frieden alt werden und gemeinsam das Leben genießen. Aber wie war denn die Auseinandersetzung zwischen Francis Fukujama und Samuel Huntington ausgegangen? Beide schrieben relativ zeitgleich zwei völlig gegensetzliche weltpolitische Prophezeiungen bezüglich der nächsten Jahrzehnte und Jahrhunderte. Francis war Advokat der These, dass sich nach dem Ende des Kalten Krieges die westliche Idee von liberaler Demokratie und Kapitalismus überall durchsetzen würden. Ein ewiger Frieden zwischen den Völkern und Nationen der Welt würde dann die Konsequenz sein. Huntington hielt dagegen und mahnte, dass die Globalisierung genau das Gegenteil provozieren würde. Mehr Konflikt zwischen den Kulturen und Zivilisationen der Welt. Seit über 25 Jahren beschießen sich Gegner und Anhänger der jeweiligen Politologen bereits mit Argumenten. Aber was sagt ein Francis Fukujama heute?

Eine Demokratie kann nicht funktionieren, wenn man nicht ein gewisses Minimum an gemeinsamen Grundwerten hat. […] Schwieriger ist es in Ländern mit vielen islamischen Immigranten, die nicht radikalisiert sind, aber auch nicht gut assimiliert. Da entsteht eine Konfliktzone zwischen der Elterngeneration, die vor allem ein ruhiges Leben führen will, und den Kindern, die sich von den Radikalen angezogen fühlen. Bei diesen scheint das demokratische Modell über wenig Attraktivität zu verfügen. […]Ein Grund dafür ist, dass die jüngere Generation die liberale Demokratie vielfach als Selbstverständlichkeit sieht. Sie weiss nicht mehr oder hat vergessen, wie schlecht die Alternativen waren. Polen ist da ein gutes Beispiel. Das Land war die Speerspitze im Kampf gegen den Kommunismus. Die junge Generation dagegen weiss gar nicht mehr, was Kommunismus war. So beklagen sie sich über die EU, die Wirtschaft, haben jedoch keine Vorstellung mehr davon, wie es sich in einer Diktatur lebt. Das ist aber ein fast normaler Vorgang im Wechsel der Generationen. Die eine verschreibt sich dem Kampf für die Demokratie, für die nächste stehen ganz andere Dinge im Vordergrund. […]Die heutige Demokratische Partei der USA basiert auf der Identitätspolitik. Sie vertritt die Interessen verschiedener Gruppen: von Frauen, Schwarzen, Hispanics, Homosexuellen. Aber dadurch hat sie den Kontakt mit der Gruppe der weissen Arbeiter verloren. Diese bildeten einst das Zentrum der Partei. Heute haben sie weitgehend ins Lager der Republikaner gewechselt. Die Demokraten sind heute die Partei der gutverdienenden, urbanen Bevölkerung. Arbeiter und urbane Mittelschichten haben keinerlei Kontakt mehr miteinander. Obama ging dieses Problem nicht an, und Hillary Clinton war diesbezüglich noch unfähiger. […]

Ich meinte damals mit dem «Ende der Geschichte», dass es aus meiner Sicht keine Alternativen gibt, die langfristig besser sind als das System der liberalen Demokratie. Das Ende der Geschichte ist vertagt, aber es ist gegenwärtig keine Realität für viele Menschen. Wir gehen tatsächlich derzeit in die falsche Richtung. Aber am Ende wird die historische Entwicklung in eine Form der liberalen Demokratie münden. Davon bin ich nach wie vor überzeugt.

Klingt nicht mehr so optimistisch, wie noch vor 25 Jahren. Und ich bin wirklich kein Feind von Francis. Man kann ihm wünschen, dass er Recht behält. Aber ich wette einen Kasten Bier darauf, dass wir den Tag noch erleben werden, da er Huntington reuevoll ins Grab folgen wird.

Ich heb mein Glas heute: auf die Menschen die wir schon an den Wahnsinn verloren haben und an jene, die wir noch verlieren werden. Fuck it.

 

https://byrondelavandal.bandcamp.com/track/stiff-upper-lip


Foto: https://www.flickr.com/photos/24258698@N04/2995540512


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport, und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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