Leb wohl Atatürk! Bye, Bye Türkei

Ein Gedenkstein mit einer Widmung Kemal Atatürks, welcher den gefallenen Soldaten beider Seiten im Kampf um Gallipoli gedenkt, wurde beschädigt. Die Inschrift wurde durch Vandalismus so sehr zerstört, dass sie unleserlich geworden ist.

Helden die Ihr Blut auf fernem Land habt gelassen: Hier seit Ihr in der Heimat eurer Freunde.

Ruhet in Frieden.

Ihr liegt mit den Mehmetcik  eng umschlungen beieinander. Mütter,  die Ihre Söhne aus fernen Ländern in den Krieg geschickt haben, mindert eure Tränen, eure Söhne sind in unseren Herzen.Sie sind in Frieden und werden still in Frieden weiter ruhen. Nachdem eure Söhne in diesem Land
gefallen sind, sind Sie zu unseren Söhnen geworden. – Atatürk, Gründer des modernen Staates Türkei

 

 

Es gibt von türkischer Seite seit einigen Jahren, ich bin sicher man hat dies bemerkt, eine politische Strömung im Land, welche sich im Sinne der AKP um eine Neudeutung der Geschichte bemüht. Geschichte und ihre Interpretation diente seit jeher schon zur Zementierung der Macht in der Gegenwart. So bastelten sich die Nationalsozialisten eine Idealbild des germanischen und «reinen» Deutschlands, während in der UDSSR die kommunistischen Eliten die Weltgeschichte als Abfolge von Klassenkämpfen deuteten. Auch in modernen Demokratien sucht man Anknüpfungspunkte in der Geschichte, um die derzeitigen Strukturen mit einem historischen Unterbau zu versehen. Und so kommt es, dass die AKP und Erdogan die Kampagne auf Gallipoli nicht mehr als Sieg der türkischen Nation und ihrer deutschen Verbündeten über die Briten zeichnen, sondern als einen Triumph des Glaubens: Islam sei es, welcher den Türken zum Sieg verholfen habe. Nicht das Genie der türkischen Generalität und der deutschen Berater, sondern blinder Glaube an Allah habe den Sieg gebracht. Unwichtig sind dann die Fremdlegionäre anderer Völker, die für die Osmanen dort gekämpft haben und keine Muslime waren. Die spielen keine Rolle mehr. Ähnlich tilgten auch die Nationalsozialisten den Beitrag deutscher Frontsoldaten jüdischen Glaubens aus der Geschichte. Die Namen nicht-muslimischer Soldaten wurden von der Liste der Märtyrer nachträglich entfernt, so australische Quellen, die sich mit dem Erbe der ANZACS und Gallipoli befassen. Das türkische Verteidigungsministerium betreibt Geschichtsklittung und will vergessen machen, dass armenische Christen und andere Ethnien und Religionen des osmanischen Reiches sich an der Schlacht beteiligt hatten, wenn auch nur in kleiner Zahl und im rückwärtigen Raum.

Mustafa Kemal Atatürk hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg als Gründer der modernen türkischen Republik weltweit bekannt gemacht. Seine Aufgabe war keine einfache, da die verkrusteten Strukturen des alten osmanischen Reiches auch die Interimsperiode überdauerten. Was für ihn eine selbstverständliche Sache war, erschien den Ultrakonservativen der damaligen Zeit als ketzerisch. Das islamische Imperium wich einem säkularen Nationalstaat nach Vorbild von Schweiz, Deutschland und Frankreich. Die Türken, so wollte es Atatürk, sollten sich nach Europa orientieren. Die Niederlage der Osmanen im Weltkrieg sei hinreichend Demonstration westlicher Überlegenheit gewesen. Auch mit den islamischen Traditionen brach er und diktierte eine Hinwendung zu westlichen Werten, die heute wieder in ihr Gegenteil verkehrt wird. Eine kulturelle Revolution von oben also, welche nicht von Dauer war.

Die laizistische Republik Türkei, so verankert in der Verfassung von 1924, ist tot.

«Atam, wir folgten dir!»

Nationalistisch, pro-westlich, säkular und modernistisch. Es war klar, dass diese Republik der Europäischen Union scheinbar nicht gepasst hat. Es ist wie Idris Bal in Turkish Foreign Policy in Post Cold War Era schreibt: Die EU war immer skeptisch gegenüber der Rolle des Militärs, also den Kemalisten, innerhalb der Türkei. Sie wünschte sich weniger Einfluss der Kemalisten und merkte nicht, dass sie damit den Islamisten den Weg freimachte. Die beständigen Forderungen aus Brüssel nach Abbau der kemalistischen Machtstrukturen, zugunsten einer besseren Verträglichkeit mit der EU und ihren demokratischen Ideen, zerstörten die Machtbasis der Laizisten und Nationalisten. Der Weg war somit frei für den Marsch der Islamisten durch die Institutionen, den sie bereits seit Anfang der 80er Jahre durchführen und heute abgeschlossen haben. Generäle, Offiziere und Journalisten – jeder der nicht mit dem Neo-Osmanismus der AKP und ihrem Feindbild Europa und westliche Welt einverstanden ist, wird zum Staatsfeind erklärt.  Europa, als Hort des neuen Faschismus und Rassismus, laut Präsident Erdogan. Die AKP-Türkei sieht sich als wahrer Erbe des Osmanischen Reiches und damit eines Imperiums. Sie hegt hegomonialen Anspruch über die Territorien, welche einst zum Osmanischen Reich gehörten. Nur paart sich dieser Neo-Osmanismus nun auch mit einem ungeheuerlichen Rassismus und der Intoleranz. Denn wo im alten Reich einst Kurden, Armenier; Griechen, Christen und Muslime gemeinsam lebten und dienten, ist heute kein Platz mehr für diese vermeintlich minderrassigen Völker(diese Entwicklungen hin zur Intoleranz wurden auch im Osmanischen Reich bereits angestoßen: siehe Enver Pascha). Die neue Türkei möchte «rein» sein, frei von denen, die nicht türkischen Blutes sind. So wie gewisse Abgeordnete türkischer Herkunft, die Erdogan am liebsten einem Bluttest unterziehen würde, um ihre Reinrassigkeit prüfen zu lassen.

Pan-Osmanismus und der Ruf der Grauen Wölfe, türkischer Faschisten per Definition, erschallt über Anatolien und Europa. 1981 verübten diese Terroristen ein Attentat auf den Papst Johannes Paul II. Heute sitzen sie als Abgeordnete in der CDU, sind Polizisten im Berliner Polizeidienst und heulen mit ihrem großen Führer, der ihnen das verspricht, was sie immer haben wollten: Ein Reich, ein Volk, ein Führer und eine Religion. Die Ideologie der Grauen Wölfe ist in ihrer Essenz auch Staatsdoktrin der AKP-Türkei. Hinter dem Wunsch Erdogans alle turkstämmigen Völker wieder zu vereinen, und dem Aufruf an seine türkischen Staatsbürger in Deutschland, sich auf gar keinen Fall anzupassen, steckt System. Expansion türkischer Macht und türkischen Territoriums. Die Ideologie von Blut und Boden wurde von der AKP wieder zum Leben erweckt, auf türkische Verhältnisse umgemünzt und wird nun Eins zu Eins angewandt. Nur an tatsächlicher militärischer Stärke und wirtschaftlicher Macht fehlt es der Türkei. Aber dieses Manko gleicht man sehr gut dadurch aus, dass man mit dem Ditip die perfekte Organisation zur Infiltration europäischer Gesellschaften geschaffen hat. 40.000 AKPisten haben es letztes Jahr nach Köln geschafft, um ihrem Volkstribun die Ehre zu erweisen. Und man kann nur neidisch auf die AKP und ihre Volksnähe sein. Zu sagen, dass Erdogan nicht populär ist, wäre glatt gelogen. Er befriedigt schließlich den Willen des Volkes, den seine Partei, ihre Imame, Koranschulen und Lehrer allerdings von langer Hand vorbereitet haben. Es ist wie mit unserem heutigen politisch korrekten Zeitgeist in Europa, der auch nicht erst von heute auf morgen in die Köpfe der Menschen wanderte, sondern viele Jahrzehnte im Vorfeld vorbereitet wurde.

Es durchliefen auch in der Türkei zehntausende von Schulklassen und Studiengängen die Lehranstalten, wo der politische Islam für sie mundgerecht präpariert wurde. Jetzt trägt diese giftige Pflanze endlich Früchte und Ankara träumt ohne Zweifel bereits wieder von der Erringung des goldenen Apfels.

Die verbliebenen Kemalisten, eigentlich die natürlichen Verbündeten Europas und auch gute Freunde Deutschlands, sind heute ins Abseits geraten. Ihre politische Macht ist so gering, dass ich nicht davon ausgehe, dass sie sich in den nächsten zwanzig oder dreißig Jahren erholen werden. Verschwinden werden sie vermutlich nicht. Aber an der Popularität der AKP ist derzeit nicht zu rütteln. Übrigens soll die Hagia Sofia, die einstige Zentralkirche des orthodoxen christlichen Glaubens, wohl bald doch wieder eine Moschee werden. Kemal Atatürk hatte den laizistischen Charakter und den Versöhnungswillen mit Europa unterstrichen, als er die einstige Kirche und damalige Moschee zum Museeum erklärte. Die AKP brach mit dieser Order und sieht bereits über die Türme der Hagia Sofia hinweg, wo sich der europäische Balkan nach Westen erstreckt. Dort, hinter den serbischen Festungsanlagen, liegt auch Wien.

Aber was ist nun mit Atatürk? Die AKP benutzt immer wieder sein Bildnis, riesengroß auf einer gigantischen türkischen Fahne. Damit wollen sie den Übervater der Türkei für ihre Politik nutzen und den Menschen glauben machen, dass ihre Ideale im Sinne Atams gewesen wären. Aber wenn Atatürk seine Republik heute sehen könnte, würde er wohl eher vor Zorn erbeben.

Schon bald wird die Bevölkerung der Türkei, nämlich schon 2050, auf fast 100 Millionen Menschen angewachsen sein. Allein demographisch würde sie damit den Nahen Osten und den gesamten Balkan dominieren, während sie sich militärisch in Syrien und im Mittelmeer erprobt. Die Tage werden bald vorbei sein, da Ankara um die Hilfe der NATO bitten muss, um die eigenen Grenzen mit Patriots zu schützen. Wenn ich in die Augen der fanatischen AKPisten blicke, sehe ich den fiebrigen und ehrlich ersehnten Traum nach Weltgeltung und grenzenloser osmanischer Macht. Ein Glücksgefühl, welches sich durchaus mit dem Idealismus des britischen Empires oder einem aufstrebenden Nationalsozialismus vergleichen lässt. Die Menschen glauben an diese Machtvision und das tun sie gerne.

Und damit ist die Türkei für Europa verloren. Sie ist zum willigen Teil des globalen Islamismus geworden.

Also machs gut Atatürk! Bye bye Türkei! So schnell kehrt der Kemalismus nicht zurück und die AKP wird die Türkei sein, an die wir uns gewöhnen müssen und auf die wir uns einstellen sollten. Wo Minister Ankaras offen über die Übernahme der Niederlande fantasieren und Frauen wegen kurzen Röcken in Istanbuler Bussen verprügelt werden. Und wissen Sie was? All das wurde vorhergesehen und erahnt. Aber niemand wollte es wahrhaben. Eine Islamisierung der Türkei?« Unvorstellbar» für die Menschen vor nicht einmal 30 Jahren.

 

Weiterführende Literatur:


Blut und Boden auf türkisch

Alte und neue Macht am Bosporus

Atatürk und das Eiserne Kreuz

 

Quellen:


http://www.independent.co.uk/news/world/europe/recep-tayyip-erdogan-europe-facist-cruel-turkey-president-powers-referendum-a7641171.html

https://www.usatoday.com/story/news/world/2017/02/25/turkey-iconic-hagia-sophia-mosque/98169256/

https://www.welt.de/politik/deutschland/article13735417/Der-Schein-truegt-die-Grauen-Woelfe-sind-gefaehrlich.html

http://www.bz-berlin.de/berlin/macht-hier-ein-berliner-polizist-das-zeichen-der-grauen-woelfe

https://www.welt.de/politik/deutschland/article130046195/Das-Problem-der-CDU-mit-tuerkischen-Nationalisten.html

http://webstory.zdf.de/graue-woelfe/

https://www.welt.de/politik/ausland/article155987049/Erdogan-fordert-jetzt-Bluttests-fuer-deutsche-Abgeordnete.html

http://www.mirror.co.uk/news/world-news/turkish-soldier-beheaded-pro-government-8433319

http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/turkey/8996730/Turkeys-top-general-arrested-for-government-coup-plot.html

http://edition.cnn.com/2016/07/29/europe/turkey-post-coup-arrest-numbers/index.html

http://edition.cnn.com/2016/07/20/middleeast/turkey-military-failed-coup/index.html

http://www.independent.co.uk/voices/letters/we-are-looking-into-a-future-where-turkey-is-an-enemy-not-an-ally-a7625796.html

https://www.populationpyramid.net/turkey/2050/

 


 

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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

2 thoughts on “Leb wohl Atatürk! Bye, Bye Türkei

  1. Danke für diese verständliche und faszinierende Aufarbeitung der Geschichte der Türkei.
    Es ist traurig zu sehen wie so hart erarbeitete gesellschaftliche Errungenschaften bespuckt und verleugnet werden.

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