40 Jahre Krieg in Afghanistan – ein Friedhof der Imperien

Weihnachten 1979:  Die sowjetische Armee beginnt mit ihrer Invasion Afghanistans und erobert schnell die größeren Städte wie Kabul. Von den neu gewonnenen operativen Basen aus wollte man den sozialistischen Aufrührer und neuen Herrscher Afghanistans,  Hafizullah Amin, ablösen und Afghanistan zur Musterrepublik eines zentralasiatischen Sozialismus ausbauen. Amin hatte seinen Vorgänger Daoud Khan durch eine politische Intrige und eine Revolution als Regierenden abgelöst und war mithilfe der Sowjets als neuer Machthaber in Kabul installiert worden, herrschte jedoch mit Terror und politischer Dummheit, sodass die Sowjets ersuchten ihn schnellstmöglich abzusetzen. Afghanistan war damals ein anderes Land. Auch unter den Sozialisten bzw. Kommunisten wurde ein recht strikter, nach afghanischen Verständnis westlicher Kurs verfolgt. Atheismus, Nationalismus und Sozialismus sollten die afghanische Gesellschaft in den Städten gehörig durchwirbeln. Die Bilder junger Mädchen im Rock mit rasierten Beinen und westlicher Kleidung gehören allerdings der Vergangenheit an. Insofern ist Afghanistan heute, etwa 40 Jahre später, ein fundamentalischeres Land geworden als noch unter den Sowjets oder dem Schah.

Die Modernisierungen trafen jedoch nur die urbanen Gebiete, während die isolierten Dörfer in den Bergen des Landes weitesgehend von jeglichen Trends verschont blieben. Khans paschtunischer Nationalismus führte jedoch schon früh in den 1970ern zum Bruch mit den anderen Ethnien des Landes, was in der Geschichte Afghanistans wirklich nicht verwundern sollte. Die nationale Einheit ist auch heute noch eine ehe herbeifantasierte Wunschvorstellung beim Nation-Building. Amin rief 1978 den Kommunismus aus und setzte an die tribalistischen Strukturen Afghanistans und seine patriarchialischen Hierarchien. Familienstrukturen, Clans, die Rolle des Vaters als Patriarch – diese tief in der afghanischen Kultur verankerten Traditionen wurden angegriffen, ähnlich wie die islamische Religion als solches. Als dann auch noch die Sowjets als fremde Macht im Land einfielen, in der Hoffnung eine Destabilisierung ihrer zentralasiatischen und muslimischen Teilrepubliken ringsherum zu verhindern, brach bereits eine neue Revolte aus. Dieses mal eine islamische und, wenn man es so sehen möchte, auch eine nationalistische Erhebung. USA, Saudi-Arabien und fast die ganze islamische Welt empfand die Invasion der atheistischen Kommunisten, die man als gottlose Kreaturen verachtete, als ungeheuerliches Verbrechen. Fast vergessen sind heute die Bilder von Präsident Ronald Reagan, der die Anführer der Mujaheddin bei sich im Weißen Haus empfing und die islamistischen Kämpfer als Freiheitsidole der westlichen und freien Welt bezeichnete. Peter Scholl Latour, der ungeliebte Rechthaber der internationalen Politik, erkannte schon damals bei seiner Reise durch das von Krieg gebeutelte Land, dass die Kämpfer gegen die Sowjets keinesfalls für die USA oder für westliche Freiheiten kämpften. Eine islamische Erneuerung war im Gange, welche unsichtbar für die meisten Hauptstrom-Medien die gesamte islamische Welt erfassen würde.

Die von den USA und vor allem von Pakistan gestützten Mujaheddin leisteten einen erbitterten und langen Widerstand gegen die Sowjets und brachten die Weltmacht dazu, sich auf Kabul und die anderen größeren Städte zurückzuziehen. Nach zehn Jahren Guerilliakampf waren die sowjetischen Truppen so kriegsmüde und abgekämpft, dass die Führung in Moskau mit dem Abzug aller Truppen begann. Manche sagen, dass die ripples, also die Erschütterungswellen Afghanistans dann, wie befürchtet, auch die islamischen Teilrepubliken der Sowjetunion erreichten. Tschetschenien und Dagestan sind in dieser Hinsicht Fortsetzungen einer  religiösen und nationalen Bewegung, welche sich als global begreift.

Mittlerweile setzt die NATO auch zur erneuten massierten Rückkehr nach Afghanistan an. Nach über 15 Jahren Einsatz am Hindukusch und dem vermeintlichen Sieg dort, hat sich die Sicherheitslage wieder destabilisiert und die vermeintlich geschlagenen Taliban sind wieder auf dem Vormarsch. Weder Ost noch West, nicht Marxismus und kein Liberalismus bzw. Kapitalismus. Afghanistan routiert in Richtung der islamischen Identität.

 

 

Mädchen in Kabul 1970

 

ISAF-Soldaten in afghanischen Mohn-Feldern

 


Quellen: Afghanistan: A Cultural and Political History



Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook dein „Like“ hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!

Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman

https://www.facebook.com/TheYoungGerman



Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport, und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

2 thoughts on “40 Jahre Krieg in Afghanistan – ein Friedhof der Imperien

  1. “ … als noch unter den Sowjets oder dem Schah.“
    Hatten die Afghanen auch einen Schah?
    Dachte immer DER Schah wäre seinerzeit Reza Pahlavi im Iran.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.