Über die Entstehung von Nationen

Unsere moderne Welt setzt sich, so der allgemeine Sachstand, aus Nationen zusammen. Dies ist nur bedingt richtig und bleibt hinter den Erwartungen an den Begriff «Nation» zurück. Es ist verhältnismäßig einfach von den «Nationen» zu sprechen, wie man das im Kontext der Vereinten Nationen tut. Nur ist es so, dass auch die Nationen sich aus Teileinheiten zusammensetzen, die wiederum ihre eigenen Nationen sind oder waren. Man kann den Vergleich zur Ethnie oder den Völkern ziehen, die Oswald Spengler einst beschrieben hat. Die Awaren, Teutonen oder Kimbern waren Völker; die Deutschen sind bereits ein Völkergemisch.
Trotzdem kann man mittlerweile durch fortschreitende Angleichung innerhalb dieses Völkergemisches von den Deutschen als Volk sprechen bzw. den Deutschen als Nation. Dass dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht erst in den letzten Jahrhunderten entstand, erkläre ich weiter unten.
Zunächst kehre ich zurück zu den Nationen und unserem modernen Verständnis dieser Einheiten. In vielen Staaten der Welt, die sich als Nationen bezeichnen, existieren zumeist mehrere verschiedene Nationen ineinander, die man auch mit Ethnien gleichsetzen kann. Nehmen wir das Beispiel Afghanistan, wo es mehrere Ethnien gibt, die man im spenglerischen Sinne als echte Völker bezeichnen kann. Diese Ethnien bilden namentlich die afghanische Nation, die sich dann eben aus Paschtunen, Hazara und anderen Kleinstvölkern zusammensetzt. Das gleiche Phänomen sehen wir auch in Pakistan, Indien, China, Italien, Deutschland .

Am Beispiel Deutschlands kann man die Sorben anführen, die sicherlich ihre eigene Ethnie bilden, aber dennoch zur deutschen Nation zugerechnet werden können und sich zumeist auch als dieser zugehörig fühlen. Gehen wir in den Irak, sehen wir die Fraktionierung eines Staates, der sich vormals auch als Nation bezeichnet hat, aber als diese keinen Bestand hatte. An und für sich waren die Völker im Irak, getrennt durch Konfessionen (islamisch, christlich, jüdisch und auch heidnisch), eigenständige Nationen innerhalb eines Staates, der für sich beanspruchte selbst Nation zu sein. Der Ansatz der Nationalisten bzw. der Politik allgemein die Welt in Staaten aufzuteilen, diese als Nationen zu bezeichnen, greift zu kurz. Die Kurden im Irak fühlen sich mehrheitlich keiner irakischen, sondern einer kurdischen Nation zugehörig, während die sunnitischen Araber sich einer arabischen Nation nähern wollen, die wie auch immer konstituiert ist.
Staat lässt sich also nicht zwingend mit Nation gleichsetzen, wie man am Beispiel des Irak gut sehen kann. Aber auch in Deutschland machte man eine eigene Entwicklung zur Nationsbildung durch. Während die deutschen Ethnien sich heute beinahe aufgelöst haben und zu einer einzigen verschmolzen sind bzw. sich dahingehend entwickeln, besaßen diese Ethnien vor etwa 200 Jahren noch durch mindere Möglichkeiten der Reise und des Transports eine Isolation und Eigenständigkeit. So herrschten die Könige, Kaiser und Fürsten in den deutschsprachigen Landen über eigene Staaten, doch aber nicht um Nationen im Sinne der Ethnie. Staatsvolk hatten sie zwar: Doch dieses setzte sich nicht aus einer Ethnie, sondern häufig aus mehreren zusammen. Die deutschen Ethnien verteilten sich über die Grenzen der Staaten hinweg. So fanden sich viele deutschsprachige Ethnien in dem Konflikt zwischen Loyalität zum Staat und die Loyalität zum Stamm, also der eigenen Ethnie. Dieses Konfliktmodell übertrug sich auch in die deutsche Revolution von 1848, wo ein kulturelles und ethnisches Zusammengehörigkeitsgefühl über die deutschen Länder getragen wurde, welches das Staatenmodell der adligen Kleinstaaten nicht mehr aushalten konnte.

Das Deutschland, das aus der Revolution entstehen sollte, wäre ein Nationenmosaik gewesen, welches seinerseits Zeit gebraucht hätte, wenn es zu einer echten Nation heranwachsen wollte. Dass die Einigung der deutschen Völker dann durch Preußen geschah, ist eine andere Geschichte. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl existierte jedoch bereits früher, schon in mittelalterlicher Welt und kam nicht erst durch Luthers Bibelübersetzung auf. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation trägt das Wort Nation eben deshalb, weil man sich trotz individueller Staaten als zu einer Volksidentität zugehörig gefühlt hat.
Die gemeinsame Rechtsordnung der fürstlichen Staaten alleine konnte aus den unter diesen lebende Völker nicht zwingend zur Nationsbildung verhelfen. Das sehen wir auch am Beispiel von Belgien, welches bis heute an einem tief verwurzeltem ethnischen Konflikt zu arbeiten hat, wo sich eine Bevölkerungshälfte einer französischen Identität und der französischen Nation zugehörig fühlt, während die andere Seite sich in Richtung Niederlande orientiert.
In heutigen westlichen Gesellschaften haben wir viele Akteure in der Politik, welche diesen Mosaikansatz der Völker gerne in einem Gesamteuropa verwirklicht sehen wollen, oder ihn bereits in ihren eigenen Staaten umsetzen. Ein Europa der verschiedenen Völker, die allein dadurch eine eigene Identität erhalten sollen, als dass man sie einer genormten Rechtsordnung und einem Wirtschaftsraum unterwirft. Dieser Ansatz existiert auch in Frankreich, wo durch Einwanderung bereits Hunderte Enklaven von anderen, nicht französischen Ethnien, entstanden sind. So argumentiert Emmanuel Macron, der Frankreich nicht als Land mit «einer Kultur», sondern als ein solches Land, dass nur ein Siedlungsgebiet für viele Kulturen ist, begreift. Dabei übernimmt Kultur die Funktion von Ethnie bzw. Volk und wird zum Synonym. Hierbei kann bei der derzeitigen Empirie der Anspruch an eine Nationsbildung jedoch nicht erfüllt werden, da die Einsortierung in selbige Nation anhand von Sprache, (empfundener) Kultur bzw. kultureller Nähe und Ethnie getroffen wird. Und Ethnie meinte hier auch die Ähnlichkeit im Aussehen, welche die Identifikation zur Nation möglich macht. So ist der Mosaik-Ansatz im Grunde nichts anderes als die Regenbogen-Idee Südafrikas, die, das sehen auch viele ehemalige Vertreter dieser Idee heute ein, nicht funktioniert hat. Die Einordnung der Identitäten Südafrikas verläuft entlang der Ethnie, noch im ganz klassischen Sinne auch entlang des Stammes. So sortieren sich die afrikanischen Stämme ganz bewusst zumeist nur nach eben dieser Einheit, während sich die Weißen noch als Buren verstehen. Südafrikaner zu sein ist nur das, was auf dem Ausweis steht und von Prominenten wie Charlize Theron behauptet werden kann. Südafrikanisch als Volksidentität existiert jedoch (noch) nicht. Dazu bräuchte es Jahrhundertelanger Verschmelzung, also auch ethnischer Vermischung, die so kaum bis gar nicht stattfindet. Stattdessen erleben wir eine Zuspitzung der Konflikte um das Verständnis von Zugehörigkeit und Nation.

Es ist insofern grundfalsch zu glauben, durch Förderung einer freien Entwicklung, würde man aus verschiedenen Ethnien schon eine Nation bekommen. In Frankreich wäre dies dann der Glaube, dass man aus Algeriern, Marokkanern, Libanesen, Vietnamesen und Franzosen eine zusammenhängende Nation bilden könne, indem man sie einfach gewähren lässt. Dabei sind Algerier beispielsweise ja schon selbst Nation, so wie es die Franzosen(die Ethnie) sind.

Nation, so auch in meinem Referenzwerk The Ethnic Origins of Nations, basiert auf gemeinsamen Werten, einem gemeinsamen und geteilten Schicksal, sowie Banden der Sprache, Kultur und Ethnie.  Das Zugehörigkeitsgefühl zu einer gemeinschaftlichen Geschichte, der man unterworfen ist, schafft Nation. So entsteht das Wir in der Nationsidee durch Abgrenzung, da man selbstverständlich nicht alles sein kann. Universalität in der Identität existiert nicht. Man ist nicht alles, sondern etwas und jemand, nicht jedermann und vieles.

 

Quellen: Anthony D. Smith: The Ethnic Origins of Nations.  1986, Großbritannien

 



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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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