Mehr Militarismus wagen!

Über Martin van Crevelds Buch »Wir Weicheier – Warum wir uns nicht mehr wehren können und was dagegen zu tun ist«

Martin von Creveld ist ein renommierter israelischer Militärhistoriker, der über das Wesen des Krieges und des Militärischen geforscht und veröffentlicht hat wie in der heutigen Zeit kein zweiter. In seinem neuen Buch »Wir Weicheier« vertritt er die These, daß sich die Armeen der westlichen Staaten zu Papiertigern entwickelt haben, denen man die Zähne gezogen hat, und er belegt dies anhand zahlreicher Gesichtspunkte. Sein Urteil über die Kampfkraft der heutigen Streitkräfte, ihres inneren Zustands und ihrer Moral ist eindeutig:

Hätten die modernen westlichen Staaten mit Absicht ein Ausbildungssystem erfinden wollen, das die jungen Männer in Weicheier verwandelt, die an jedem Kriegsschauplatz der Dritten Welt unweigerlich besiegt werden, so hätten sie kaum erfolgreicher sein können.

Es scheint das Buch zur rechten Zeit zu sein, amtiert doch in unserem Staat eine Verteidigungs­ministerin, die sich anscheinend vorgenommen hat, der Bundeswehr alles Militärische, Soldatische und Martialische auszutreiben, daß in der Truppe »Geschlechtergerechtigkeit« gelebt wird, bei der Kasernen mit Kindertagesstätten ausgestattet sind, die »kultursensibel« in den Operationsgebieten auftritt und die sich selbst jede Bezugnahme auf die vormalige Wehrmacht und ihre Ideale verbietet. Für den Autor des Buches ist eine solche Armee in keiner Weise gerüstet, den Herausforderungen asymmetrischer Kriegführung gewachsen zu sein, beruht doch jeder militärische Erfolg auf dem Willen und der Fähigkeit, Gewalt anzuwenden. Damit sieht es nach Meinung des israelischen Militärfachmanns schlecht aus. Wir sind Weicheier geworden – doch wie konnte es dazu kommen?



Ein wesentlicher Punkt besteht für den Autor bereits in der Kindererziehung. In der westlichen Welt sind Kinder rar geworden, sie sind heute mehr denn je Selbstverwirklichungs-Projekte ihrer Eltern und werden dementsprechend beschützt, umsorgt, unselbständig gehalten und von Hubschrauber-Eltern von allen möglichen Gefahren, Herausforderungen oder auch Unbequemlichkeiten und sonstigen Fährnissen des Lebens abgeschirmt. Insbesondere Jungen sind in einer feminisierten Erziehungslandschaft zunehmend der Möglichkeit beraubt, sich einander Mut und Kraft zu beweisen. So werden die Kinder von Anfang an zu lebensuntüchtigen Memmen herangezogen.

Weiterhin bemängelt van Creveld, daß in den Armeen der westlichen Welt, insbesondere der USA, der Einfluß der Juristen zu stark geworden sei, so daß wir es mit einer Überreglementierung zu tun haben. Über der kämpfenden Truppe schwebt nicht nur die ständige Drohung, wegen jedes getöteten Feindes vor Gericht zu landen, sondern auch das Damoklesschwert des Vorwurfs der »Sexuelle Belästigung« – heute gang und gäbe. Und in der Tat – es ist schwer vorstellbar, wie unter solchen Bedingungen noch Krieg geführt werden soll.

Einen breiten Raum nimmt in van Crevelds Argumentation darüber hinaus die Verweiblichung der Streitkräfte im Zuges des alles durchdringenden Feminismus ein.

Der Öffnung der Armee für Frauen in Kampfverbänden liegt vor allem die irrige Sichtweise zugrunden, im Militärdienst nicht in erster Linie eine Pflicht gegenüber dem Gemeinwesen zu sehen, die hart und entbehrungsreich ist und die unter Umständen auch das Leben kosten kann. Vielmehr hat sich durchgesetzt, darin eine Möglichkeit zur Verwirklichung individueller Belange zu sehen: Einkommen, Karriere, Ansehen, Selbstverwirklichung – was er sicherlich auch ist, was aber dem Zweck hintanzustehen hat, soll dieser erfüllt werden. Generell sieht van Creveld in der ganzen westlichen Welt eine für den Daseinszweck einer Armee verhängnisvolle Tendenz, die Rechte des einzelnen überzubetonen, die Pflichten hingegen geringzuachten.

Nun wird aus ideologischen Gründen versucht, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu negieren, doch das ändert nichts an den Tatsachen. Van Creveld führt die aus langjährigen Erfahrungen gewonnenen Erfahrungen mit Frauen beim Militär ausführlich auf. Gerecht ist das alles in keiner Weise: Ungleiches gleich zu behandeln führt zwingend zu Ungerechtigkeiten, Ungleichbehandlung jedoch schürt Mißgunst innerhalb der Truppe. Beides steht der Erfüllung der Aufgaben entgegen.

Van Creveld begründet ausführlich und einleuchtend, warum der Dienst von Frauen in den Streitkräften kein Erfolgsmodell ist: entweder ignoriert man die Unterschiede zwischen Männern und Frauen und nimmt so eine wesentliche Schwächung der Kampfkraft in Kauf, oder man akzeptiert, daß Frauen innerhalb der Armee in vielfältiger Weise privilegiert werden, etwa, indem sie bestimmte Leistungen nicht oder nur eingeschränkt erbringen müssen oder sich leichter von unangenehmen Diensten dispensieren können – wie sie ja von einer eventuell bestehenden Wehrpflicht ohnehin ausgenommen sind. Oder es führt zu so bizarren Vorgaben wie die, daß die Innenluft in einem Panzer für schwangere Frauen nicht gesundheitsschädlich sein darf – was eine geradezu atemberaubende Absurdität darstellt, ist doch der Aufenthalt in einem Panzer an sich gefährlich, jedenfalls dann, wenn er seine Zweckbestimmung erfüllt. Wer der Meinung ist, daß schwangere Frauen besonders schützenswert und schutzbedürftig sind, der muß einsehen, daß sie nicht nur im Innern eines Panzers nichts zu suchen haben, sondern daß auch Schwanger- wie Mutterschaft und Militärdienst eine größtmögliche Unvereinbarkeit darstellt und der Teilnahme an Kampfhandlungen zwingend entgegensteht. Kindertagesstätten in der Kaserne ändern daran gar nichts.

Wenn Frauen traditionell vom Militärdienst ausgeschlossen waren, so hatte das über Belange der militärischen Leistungsfähigkeit hinaus zwei weitere wesentliche Gründe: zum einen eine funktionale Verteilung der Lasten. Was ist eigentlich gegen Arbeitsteilung zu sagen? Man war sich schlicht über die an sich banale Tatsache im klaren, daß eine Verteidigung nur einen Sinn ergibt, wenn sich daheim jemand um die Kinder kümmert. Eine aussterbende Gesellschaft ist so oder so zum Untergang verurteilt. Zum anderen: während jeder Mann annährend beliebig viele Kinder zeugen kann, können Frauen nur eine überschaubare Anzahl gebären. Daraus folgt, daß in Situationen, in der vom Erfolg eines Krieges der Fortbestand der Gesellschaft und des Volkes abhängt, das Leben der Frauen zu wertvoll ist, um es auf dem Schlachtfeld zu opfern. Wenn also bisher Frauen der Dienst in Kampfverbänden versagt blieb, dann ist dies folglich nicht als Benachteiligung zu sehen, sondern um eine Bevorzugung, beruhend auf der Einsicht, daß das Leben von Frauen schützenswerter ist als das von Männern.

Ein weiteres Kapitel widmet van Creveld der Frage, ob die allenthalben auftretende Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ein reales Phänomen darstellt oder durch andere Umstände bewirkt wird. Auffällig ist ja durchaus, daß diese vermeintliche Krankheit erst im Zuge eines Wertewandels auftrat, in welchem der Krieg als solches weithin delegitimiert wurde und die Geringachtung alles Militärischen bis zu einem Maße wuchs, daß sich heute kaum noch ein Soldat in Uniform auf die Straße wagt.

Ist es wirklich der Krieg, der PTBS hervorruft? Oder ist es die fixe Idee der heutigen Gesellschaft, daß Krieg an und für sich böse und auch schlecht für die Psyche der Kriegsteilnehmer ist, so daß jeder, der lange genug daran teilnimmt, daran zerbrechen muß?

Wir haben uns angewöhnt, den Krieg aus einem Blickwinkel zu betrachten, bei dem fast schon jemand als roher Unmensch gilt, an dem die Schrecken des Krieges abprallen, ohne eine psychischen Knacks zu verursachen. Daß dies jedoch durchaus möglich ist, davon legen die Kriegserinnerungen von Ernst Jünger Zeugnis ab – heute allerdings aus nämlichen Gründen als »kriegsverherrlichend« verrufen.

Auch in Zeiten einer Kriegführung, die auf technisch immer raffinierteren Waffensystemen beruht, ändert sich nichts daran, daß der Krieg etwas ist, was den Menschen an die Grenze seiner physischen und psychischen Belastbarkeit bringt und auch darüber hinaus beansprucht. Ja, der Krieg ist schrecklich, brutal, anstrengend, fordernd. Um diese Herausforderung zu bestehen, braucht es aber die Bereitschaft und Fähigkeit, Gewalt anzuwenden. Dies ist nicht mit schöngeistigen und feinfühligen Sensibelchen zu machen. Wollen wir uns gegen einen Gegner, der all unsere Skrupel nicht kennt, behaupten, so müssen wir wieder mehr Militarismus wagen.

Martin van Creveld

Wir Weicheier. Warum wir uns nicht mehr wehren können und was dagegen zu tun ist

9783902732675

Ares Verlag, Graz, 2017

224 S., gebunden

19,90 €

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„Weserlotse“ lebt als Niedersachse mit niederschlesischem Migrationshintergrund in Thüringen und ist alt genug, um noch zu wissen, wie das Leben ohne Internet funktioniert, ist trotzdem so etwas wie das, was heute „Netzaktivist“ heißt, würde sich selbst aber nie so nennen.

One thought on “Mehr Militarismus wagen!

  1. Super Artikel.

    Leider werden selbst unsere Kampfverbände immer sozialpädagogischer und „entspannter“.

    Autosuggestion ist für mich auch ein wesentlicher Teil von PTBS.. im Prinzip eine Selbstsabotage als Soldat anzuerkennen, dass es PTBS gibt. Was nicht heißt, dass ich eine adäquate Versorgung von Kriegstraumatisierten ablehne, im Gegenteil. Diese darf aber nicht nach dem Motto „ich hab soviel Verständnis für dich armes kleines Opfer“ ablaufen, das macht die Sache nur schlimmer.

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