„Zum Abschied denke ich an meiner Mutter Gesicht“ – Japan unter der aufgehenden Sonne

In Zeiten der Begeisterung für das Vaterland zu sterben ist leichter, als in den nüchternen Tagen dafür zu leben, mit Gedanken, Wort und Tat

 

Im Buch Der «russisch-japanische Krieg» von Graf E. zu Reventlow (Ausgabe 1913), das mir im Original zu Händen liegt, wird die unglaubliche Energie beschrieben, welche der japanischen Nation quasi über Nacht zuteil wurde. Die erzwungene Öffnung der japanischen Inseln für die westliche Welt trieb die Japaner nicht etwa in eine koloniale Unterdrückung, sondern beschleunigte ihre Entwicklung zur fortschrittlichsten Industrienation Asiens und bald der ganzen Welt. Mit der verbesserten Landwirtschaft explodierte die Bevölkerung der Inseln und der gigantische demographische Druck der Jugend drängte in die Städte, formierte sich in Wissenschaft, Handwerk und Militär. Wo mittelalterliche Systeme geherrscht hatten, drang die junge, sich neu erfindende Nation mit einem Tatendrang an die Spitze, von der das heutige Japan nur noch träumen kann. In nur 40 Jahren holte Japan das industrielle Zeitalter auf und schlug das russische Reich in einem kurzen, aber brutalen Krieg.

Was kaum jemand für möglich gehalten hatte, war eingetreten. Japan war Großmacht in Asien geworden.

 

Japans langer Weg nach oben

Deutschland und Japan ähneln sich in ihrer Entwicklung im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert in mancher Hinsicht. Beide erlebten sie zur ungefähr gleichen Zeit ihren Aufstieg zu dominierenden Großmächten, zu stark um sich unterzuordnen und zu schwach, um die anderen zu beherrschen.  Reventlow führt aus, dass dem japanischen Engagement in der Mandschurei die Notwendigkeit zum Erschließen neuer Rohstoffquellen vorausging. Die erstarkende Industrienation auf den Inseln genügte sich nicht mehr. Längst schon eckte es auch in Korea an, zu welchem es historisch eigentlich meist gute Beziehungen pflegte.  Die Meiji-Restaurationsepoche katapultierte Japan jedoch mit gigantischen innerstaatlichen Umwälzungen an die Spitze der ostastiaschen Mächte, wo es wohl oder übel mit dem Russischen Zarenreich in Konflikt kommen musste, welches sich sehr stark um eine Präsenz in der Mandschurei bemühte und 1897 den Port Arthur Hafen am Gelben Meer übernahm. Hinzu kamen aufkeimende Streitigkeiten um Korea, wo sowohl Russland als auch Japan militärisch vertreten waren, um ihren Einfluss über diesen Vasallenstaat Chinas geltend zu machen. China, das sollte man wissen, hatte sowieso kaum Kontrolle über das eigene Territorium und existierte mehr oder minder als Zerrbild seiner heutigen Größe und Macht.

1904, in der Nacht des 8. Februars, begann der japanische Erstschlag gegen die im Hafen liegenden Schiffe der Russen in Port Arthur. Es folgten etliche weitere Schlachten zur See und zu Land, welche in der für damalige Verhältnisse epochalen Begegnung in der Schlacht von Mukden einen Höhepunkt fanden. Seit der Völkerschlacht bei Leipzig hatten nicht mehr so viele Soldaten an einer einzigen Schlacht teilgenommen.  Die Japaner siegen über das zahlenmäßig überlegene russische Reich und zwangen dem Zaren im Zuge weiterer Kämpfe am Ende dann ihre Siegesbedingungen auf. Innerhalb nur eines Jahres hatte Japan Russland in Ostasien als Großmacht abgelöst.

Was folgte war der kometenhafte Aufstieg der japanischen Nation: wirtschaftlich, politisch und militärisch. Ähnlich dem Deutschen Kaiserreich zu jener Zeit, hatte das Land der aufgehenden Sonne die Balance der traditionellen Weltmächte ins Wanken gebracht und sich politisch isoliert bzw. wurde isoliert. Im Ersten Weltkrieg suchte Japan noch die Anbindung an die USA, kam jedoch im Zuge der nächsten Jahrzehnte zunehmend in Konflikt mit dem britischen Weltreich, den US-amerikanischen pazifischen Interessen, und der entstehenden Sowjetunion.  Der Konflikt des Zweiten Weltkriegs bahnte sich an.

 

Die Liebe zur Nation bedarf keiner Erklärung

Die Samurai Japans waren eine kriegerische Elite, ähnlich den Rittern unserer europäischen Welt. Ihre Kaste verging und nur ihr Wertekanon wurde weitergetragen, verwirklichte sich in den militärischen Traditionen des 19. und 20. Jahrhunderts. Japans Armeen setzten sich zusammen aus den Landeskindern aller Schichten, aller Klassen und Ideen. Vereint durch die Gemeinsamkeit eines nationalen Gefühls, gelebter kriegerischer Werte und dem Willen, dem Kaiser zu dienen.

Man kann die Schrecklichkeit des Zweiten Weltkrieges nicht in passende Worte fassen. Die Schauplätze Europas sind weitestgehend bearbeitet, während wir nicht vergessen sollten, dass es eben ein Weltkrieg war, der auch in Asien furchtbare Spuren hinterließ. Die brutalen Okkupationen Chinas und anderer pazifischer Nationen durch das japanische Reich, welches in seinem übersteigerten Nationalismus die Rechte anderer Völker missachtete.

Als sich die Ära des Reiches der aufgehenden Sonne ihrem Ende näherte, wandte sich die militärische Führung Japans der Idee des Kamikaze (Göttlicher Wind) zu.  Mit Sprengstoff beladene Flugzeuge, die Piloten rekrutiert aus Schulklassen und Universitäten, sollten sich in Todesverachtung auf die Übermacht amerikanischer Flottenverbände stürzen, und so dem Kaiserreich einen neuen Sonnenaufgang erkaufen. Tausende Kamikaze Piloten meldeten sich im Zuge dieser Kampagne für die Himmelfahrtskommandos.  Dabei spielte Druck der übergeordneten Führung eine große Rolle und die Gründe warum sich ein Mann meldete, waren sehr unterschiedlich. Im Buch «Kamikaze, Cherry Blossoms and Nationalisms» und den unten verlinkten Publikationen,  geben überlebende Piloten Auskunft über ihre Motivationen. Nicht immer starben die Kamikaze-Piloten. Manche wurden abgeschossen und von amerikanischen Schiffen gerettet, oder stürzten aufgrund technischer Probleme über dem Ozean ab. Andere hatten insofern Glück, dass ihre Missionen niemals geflogen wurden, weil keine Maschinen mehr vorhanden waren, oder Japan bereits kapituliert hatte.

Im Inland von Japan bereitete man sich zum Ende des Krieges auf die befürchtete Invasion der japanischen Inseln vor, die ja von den USA längst geplant wurde. Die Bombadierung von Hiroshima und Nagasaki beendete den Krieg jedoch, bevor es zum D-Day in Japan kommen konnte. Aber im Vorfeld der Bombadierung war jedem Japaner klar geworden, dass man sich auf die totale Zerstörung bzw. Okkupation der Inselnation einzustellen hatte. Die Regierung hatte damit begonnen, Milizen aus Frauen, Kindern und Alten zu bilden, die sich mit Speeren und anderen dürftigen Waffen der Invasion entgegenstellen sollten. Ohne die Kapitulation des Kaisers wäre es wohl tatsächlich zu einer solchen Abwehr gekommen. Ein japanischer Pilot berichtet hier, dass er sich lieber freiwillig zu den Kamikaze meldete, weil er hoffte, dass sein Opfer möglicherweise gerade das Zünglein an der Wage sein könnte, dass die Invasion Japans doch noch verhindert. Im Glauben daran, dass er durch seinen Tod die Zerstörung seiner Heimat und den Tod seiner Liebsten Daheim vielleicht doch noch verhindern kann. Und so gab es die Möglichkeit in den Formularen der Kamikaze sich zu verweigern, freiwillig zu melden oder mit «großem Elan freiwillig» zu melden.

Es ist wohl ein durch Hollywood aufgebauter Mythos, dass sich die Kamikaze gerne in den Tod stürzten. Auch die Japaner lieben ihre Kinder und andersherum, lieben die Kinder zumeist doch ihre Eltern und das Leben. Alkohol spielte eine große Rolle vor den Missionen, als auch die Religion und die Liebe zur Nation. In dem Wissen, dass man als Japaner ein gemeinsames Schicksal mit allen anderen Japanern zu teilen hat, ob man das nun wollte oder nicht. Über Sinn und Sinnlosigkeit der Kamikaze wird noch heute gestritten. Ich halte es jedoch für unstrittig, dass die tiefe Emotionalität der Menschen hier eine große Rolle gespielt hat. «Niemand stirbt gerne. Aber ich wollte meine Pflicht tun, um Japan zu schützen», so ein Zeitzeuge.

Ironie der Geschichte, dass viele Kamikaze sich nur deshalb meldeten, um ihrer Heimat die Zerstörung, die sie dann durch die Atombomben erfuhr, zu ersparen. Nach dem Krieg verspürten die Überlebenden Glück und Scham zugleich. Glück darüber, dass man lebte. Scham, weil so viele gute Freunde und Kameraden gefallen waren, während man selbst leben durfte. Dieses Gefühl gab es auf allen Seiten des Krieges, wo Soldaten sich die Frage stellten: «Warum gerade ich? Der Mann neben mir war ein so viel besserer Mensch.»

«Ich bin dem Kaiser dankbar dafür, dass er den Krieg beendet hat», erzählt ein Pilot, dessen Mutter Freudentränen über das Überleben des Sohnes weinte. Wie man mit dem Überleben umging, unterschied sich von Mensch zu Mensch.

Mir fallen hier die Worte von Otto von Leixner ein: «In Zeiten der Begeisterung für das Vaterland zu sterben ist leichter, als in den nüchternen Tagen dafür zu leben, mit Gedanken, Wort und Tat

Sie waren bereit für ihre Nation zu sterben. Aber, um es mit den Worten von Eno zu sagen, der den Krieg überlebte. Man war auch bereit für das Vaterland zu leben und Japan wieder aufzubauen, im Frieden und für die Kinder, die man nun haben konnte.

 

 

Quellen:

Der Russisch-japanische Krieg; Graf E. zu Reventlow (1913), Berlin.

Kamikaze, Cherry Blossoms and Nationalisms; Emiko Ohnuki-Tierney, (2002) Chicago.

https://www.theguardian.com/world/2015/aug/11/the-last-kamikaze-two-japanese-pilots-tell-how-they-cheated-death

http://www.pacaf.af.mil/News/Article-Display/Article/593621/okinawa-history-lives-on-camp-kinser/


 

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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport, und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

2 thoughts on “„Zum Abschied denke ich an meiner Mutter Gesicht“ – Japan unter der aufgehenden Sonne

  1. ich finde Japan und Deutschland ähneln sich wirklich sehr stark. zumindest höre ich das immer wieder von japanischen Austausschstudenten hier an meiner Uni. Die Japaner sind der Meinung, dass die Deutschen ihnen als europäisches Volk am meisten ähneln und sind dann manchmal enttäuscht, wenn die Deutschen von heute dem Ideal von damals, des tüchtigen und strammen Europäers nicht mehr entsprechen. Gutes Essay!

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