Vergessene Geschichte – Deportationen nach Sibirien im Baltikum

Mitten in der Nacht klopft jemand an die Tür. Es sind sowjetische Soldaten. Es bleibt keine Zeit zum Packen, in wenigen Minuten wird die Mutter mit den Kindern, davon einige Kleinkinder, herausgezerrt und muss im tiefsten baltischen Winter loslaufen. Wohin? Das Haus wird angezündet oder in Beschlag genommen und mit nicht mehr als der eigenen Kleidung am Leib geht es auf den Fußmarsch nach Sibirien. Dorthin wo die russischen Kommunisten bereits Millionen ihrer eigenen Bevölkerung geschickt haben, und nun im Baltikum mit der Massendeportation von Esten, Letten, Deutschen, Juden und Litauern beginnen.

In der Gedenkkultur an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs gibt es einen Schwerpunkt auf der Judenverfolgung. Heute möchte ich die Perspektive etwas erweitern. Wir Deutschen wissen, dass unzählige deutscher Bürger während und nach des Krieges noch in russische Gefangenschaft gerieten. Nur ein Bruchteil der deutschen Kriegsgefangenen überlebte die Lagerhaft in Sibirien. Gleiches galt übrigens für die russischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern. Was in normalen Geschichtsstunden kaum beleuchtet wird, sind die Massendeportationen in den baltischen Staaten, die nach der sowjetischen Invasion ihre Unabhängigkeit verloren. Die Schicksale dieser Menschen gehen in der Dimension des Weltkrieges oft unter. Es sind nationale Erinnerungsstücke, die trotzdem Teil eines großen Ganzen sind. Es waren eben auch schreckliche Verbrechen gegen die Menschen, die sich uns heute als beinahe unvorstellbar darstellen. Wenn Hunderttausende in Lager verschleppt und getötet werden, ist das Trauma umso schlimmer, wenn es sich sowieso um kleine Völker von wenigen Millionen handelt. Jede Familie war irgendwie betroffen. Die Geschwister, Eltern, Großeltern oder sogar die eigenen Kinder wurden Opfer der Deportationen und des Krieges.

Im Jahr 1941 werden Hunderttausende auf den Todesmarsch geschickt, um in sibirischen Lagern zu frieren, zu hungern und zu sterben. Die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder, da Sippenhaft selbstverständlich für die Kommunisten war. Aber die sowjetrussischen Autoritäten hatten jeden im Visier, welcher sich der neuen Ordnung in den Weg stellen könnte. Polizei, patriotische Kräfte, Wissenschaftler, Intellektuelle und Politiker. Es traf alle nicht-russischen ethnischen Gruppen im Baltikum, darunter auch Deutsche und Juden. 1945-1951 wiederholte sich die gleiche Grausamkeit erneut, als es erneut zu massiven Deportationen kam. Etwa 3% der Gesamtbevölkerung Estlands wurden allein im Jahr 1949 in Güterwagons geladen und nach Sibirien in Konzentrationslager gebracht. Und das auch nur, wenn sie nicht gar laufen mussten. Tausende starben allein auf dem Weg dorthin.

Bis heute ist dieses wissenschaftliche Feld nur sehr unzureichend erforscht und erhält wenig Aufmerksamkeit.

Unerwähnt möchte ich hier nicht lassen, dass es auch in der Ukraine bereits zu grauenhaften Szenen gekommen war, als die Politik Stalins den Tod von Millionen verschuldete. Manche sagen mit Absicht.

Holodomor nennen es die Ukrainer heute noch. Es heißt einfach Hungersterben, weil im Zuge der Kollektivierung durch sowjetrussische Autoritäten Millionen Menschen in der Ukraine einfach verhungerten, größtenteils ohne, dass dies in Europa für große politische Reaktionen gesorgt hätte. Etwa 1/3 der Landbevölkerung, laut Schätzungen 3-6 Millionen, die in nur etwa einem Jahr verhungerten. Unvorstellbar – das müssen wir uns bildlich vor Augen zu führen, wie die Menschen versuchten sich selbst zu essen, weil der Hunger so furchtbar war. Abgemagerte Kinderleichen, bleich und kalt, die am Straßenrand liegen und kein Schulkind in Mitteleuropa weiß über das Schicksal dieser Menschen. 3-6 Millionen? Den Holocaust, davon weiß jeder. Aber wer gibt den vergessenen Hungertoten, den Deportierten, die in sibirischen Lagern grässlich zu Tode froren, eine Stimme? Dabei ist es eben auch so, dass die Kommunisten das gleiche mit ihren eigenen Landsleuten in den Interimsjahren von 1919-25 getan haben. Wer erinnert sich schon daran, dass Millionen von Russen in diesen Jahren getötet wurden? Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert das Völkermorde, der industriellen Vernichtung und Massentötung.

Wer kann sich schon vorstellen, dass er plötzlich, in nur wenigen Wochen, seine Heimat, sein Haus, seine Familie und alles an Besitz verliert, um einen Todesmarsch nach Sibirien anzutreten? Eine Reise ohne Wiederkehr für viele. Sehr viele Esten, Letten und andere Baltikumer meldeten sich im Zuge der Deportationen zur deutschen Armee bzw. der Waffen-SS  (dies wird auch in den Film estnischen 1944 thematisiert, wo Esten in beiden Armeen, der deutschen und der russischen, dienten und gegeneinander kämpfen mussten). Man kann vermuten, dass hier Rache ein großes Motiv gewesen sein könnte und ob die Deportationen am Ende nicht gar einen gegenteiligen Effekt erzielten. Sie sollten Widerstand brechen, die ethnische Zusammensetzung der Länder zu Gunsten der Russen verändern. Letzteres geschah teilweise. Aber der Widerstand wurde durch diese Verbrechen nur noch gestärkt und er hält bis heute an. Die Geschichte wirkt nach. Die Verhältnisse zwischen den baltischen und osteuropäischen Nationen und der Russischen Föderation sind ja bis heute angespannt. Auch wegen der Geschichte der Massenmorde und Deportationen. Da kenne ich tatsächlich einen Soldaten aus dem Baltikum, der zur Verhinderung der Wiederholung solcher Gräuel seinen Dienst tut. «Nie wieder Deportationen!» Die baltischen Staaten werden ihre nationale Unabhängigkeit und die Sicherheit ihrer Völker um jeden Preis verteidigen.

 

 


 

Quellen:

Foto: https://www.flickr.com/people/51890898@N03?rb=1 / Gedenken an die Massendeportationen in Estland

https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article122152364/Stalins-brutalstes-Mordwerkzeug-war-der-Hunger.html

Martin, Terry (1998). „The Origins of Soviet Ethnic Cleansing“

( estonianworld.com/life/25-march-victims-soviet-deportations-remembered-estonia/ )

( Dokumentation: Harvest of Despair https://www.youtube.com/watch?v=M_dnRA5NFhs )

The victims of Soviet deportations remembered in Estonia

 


Hat dir der Beitrag gefallen? Wir auf YOUNG GERMAN stecken viel Arbeit und Herzblut in unsere Artikel und wollen uns dauerhaft als alternatives Medium etablieren. Du kannst dich bei uns bedanken, indem du auf Facebook oder Minds.com dein „Like“ hinterlässt, uns einen Kaffee spendierst oder ein monatlicher Unterstützer auf Patreon wirst. Mit deiner Hilfe wollen wir wachsen und ein unabhängiges alternatives Medium zu den Massenmedien anbieten!

 


Buy Me A Coffee at Ko-Fi.com

https://www.patreon.com/Younggerman

https://www.facebook.com/TheYoungGerman

https://www.minds.com/Younggerman



Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.