Alle Macht ist dem Kaiser nur geliehen

Über Macht, woher sie kommt und was so manche Gesellschaft und so mancher Politiker aus einem alten Volksmärchen Vietnams noch so lernen kann:

Im Jahre 1418 zog ein vietnamesischer Adliger namens Le Loi aus, um die Herrschaft der chinesischen Besatzungsmacht abzuwerfen. Der Mythos des Märchens verklärt ihn im Nachhinein zu einem armen Fischer, der durch göttliche Fügung zu Höherem erhoben wird. Tatsächlich entstammt Le Loi einer privilegierten Familie des vietnamesischen Adels; diese hat sich in unterwürfiger Anbiederung den kürzlich siegreichen chinesischen Eroberern Vietnams als Truchsessen des kolonisierten Landes angeboten. Wo es den gutbetuchten Bürgerlichen und Adligen gut ging, die unter chinesischer Besatzungsmacht keine Probleme hatten und sich als Teil einer neuen Aristokratie verstanden, litt die Landbevölkerung schrecklich unter dem fremden Militär, welches auch den letzten Reiskrümel aus den verarmten Bauernfamilien herauspresste und die Entwicklung und Weiterentwicklung vietnamesischer Nationalidentität unterdrückte. Le Loi war zwar kein Fischer, doch aber jemand, der seinem adligen Hause entsagte und in den Untergrund ging. Im Vietnam dieser Zeit hieß das, dass er in die Berge und den Dschungel abtauchte, wo sich die letzten freien und patriotischen Milizen zusammengefunden hatten, um den chinesischen Besatzern Widerstand zu leisten. Etwa zehn Jahre führte Le Loi mit seinen Kriegern einen Guerilliakampf gegen die Besatzungsmacht und ihre indigenen Helfer im alten System. Hier beginnt das eigentliche Märchen vom «zurückgegebenen Schwert» der Goldenen Schildkröte.

Es soll laut Legende am Hoan Kiem-See in Hanoi gewesen sein, wo Le Loi in der Stunde größter Not für Vietnam mit seinem Fischernetz plötzlich einen überraschenden Fang machte. Hier aus dem Original ins Deutsche übersetzt:

Eines Morgens ließ sich sein Netz kaum aus dem Wasser ziehen. «Sicher ist es an irgendeiner Wurzel hängengeblieben», dachte der Fischer (Le Loi). Und aus Angst, es zu zerreißen, holte er es vorsichtig ein. Da nahm er ein goldenes Leuchten im Wasser wahr. «Es muss doch ein Fisch sein, den ich in meinem Netz habe, und ein besonders schöner!», freute sich Le Loi. Doch je näher das Netz der Oberfläche kam, desto eigenartiger erschien ihm alles. […]

Endlich lag es am Ufer. Hastig schob er die Maschen auseinander – und traute seinen Augen nicht: Zwischen einigen kleinen Weißlingen lag ein prächtiges Schwert. Als er seine Hand nahm, bewunderte er die feinen Ziselierungen am Heft. Aber noch mehr zog ihn die Klinge an, die in einem übernatürlichen Licht glänzte. «Ein guter Geist muss mir dieses Schwert gesandt haben und sicher erteilt er mir damit einen Auftrag», sprach Le Loi zu sich. Dann barg er das wertvolle Geschenk unter seinen zerschlissenen Kleidern und eilte in seine Hütte.

Von diesem Tage an war der Fischer Le Loi ein anderer Mensch. Konnte er früher oft stundenlang am Wasser sitzen, um schweigsam dem Spiel der Wellen zuzusehen, so erfüllte ihn jetzt ein unbändiger Tatendrang. Das Schwert am Körper verborgen, eilte er schnellen Schrittes durch das Handwerkerviertel der Stadt, unweit des Sees. Man sah ihn überall, in der Seidenstraße und in der Hutmacherstraße, in der Straße der Leinenweber und in der der Papiermacher. Er betrat die Werkstätten der Kupferschmiede und redete mit den Fischhändlern. Auf seinen Fersen hockend, schürte er oft stundenlang den Zorn gegen die chinesische Unterdrückung, versuchte Menschen für den Widerstand zu gewinnen. Und er gewann sie.

In der Straße der Schmiede konnte man jetzt ein ungewöhnliches Treiben beobachten. Wild schlugen die schweren Hämmer auf die Ambosse. Morgen für Morgen, noch bevor es richtig hell wurde, sah man Le Loi, tief gebeugt, unter der Last eines großen Bündels nach Hause gehen. Kein Uneingeweihter konnte ahnen, dass es Schwerter waren. […]

Le Loi war überall, bei den Schiffern des Roten Flusses und auf den Höhen des Berges Tan Viên. Die Siedler am Strom kannten seinen Namen bald ebensogut wie die am Bambuskanal. Alle Hütten standen ihm offen. Er fand die Worte, die die Herzen höher schlagen ließen. Jede Furcht, jede Angst, bei den chinesischen Machthabern angezeigt zu werden, waren ihm fremd. Die Unterdrückten haben ihn niemals verraten.

Die Zeit der Monsune kam. Das Meer peitschte die Stürme ins Land und verwüstete das Delta. In der Hauptstadt überschwemmten die Wellen des Kleinen Sees die Straßen. So hoch stand das Wasser, dass selbst die fremden Patrouillen nicht mehr ihren Dienst versehen konnten. Eines Morgens – ein dichter Regen hielt die Dunkelheit der Nacht fest – wurden die Leitern gegen die Mauern der Zitadelle gelegt. Die Alarmglocken blieben stumm. Niemand läutete Sturm. […]

Am Abend gehörte Thang Long dem Volk; es war einen Monat später bereits Herrscher des ganzen Deltas. Aber sein Feind gab sich nicht geschlagen. Seine Armeen kamen von überallher, längs der Küste, von den Pässen der Gebirge, mit Kriegsschiffen: Wie eine Flut fielen die chinesischen Truppen ins Land ein. Die Schwerter, die sich vorher auf den Straßen gekreuzt hatten, trafen jetzt im Morast der Reisfelder aufeinander. Sechs Jahre dauerte das furchtbare Ringen. Dann war die Stunde gekommen, in der die letzten chinesischen Soldaten bei Dong Dang nach dem Norden zurückmarschierten; Vietnam hatte seine Freiheit errungen.

Nun kommt die Pointe des Märchens.

Da legte der Befreier Le Loi das kaiserliche Kleid aus gelber Seide an. Drachen mit fünf Klauen, Mond und Sonne, Wolken und Phönixe waren in vielen Farben kunstvoll daraufgestickt. «Ruhm dem Kaiser von Vietnam, dem Land des befreiten Südens!», sangen die Chöre der Bonzen. […]

Le Loi wurde zum neuen Kaiser Vietnams gekrönt und vom Volk zum Herrscher des Landes gemacht. Durch die Jahre hindurch hatte das Schwert ihm diese übernatürlichen und magischen Fähigkeiten gegeben, die Vietnam zum Sieg über China verholfen hatten. Aber als er als neuer Kaiser eines Abends wieder am See spazieren ging, wo er das Schwert durch göttliche Wirkung erhalten hatte, schwamm plötzlich eine Goldene Schildkröte ans Ufer und sprach ihn mit menschlicher Stimme an. Sie bat ihn das Schwert dem Drachen und Herrn des Sees zurückgegeben, da nun seine Pflicht getan sei und es an der Zeit wäre, die geliehene Macht zurückzugeben. Le Loi wurde klar, dass er nicht an der Macht des Schwertes festhalten dürfte, da ihn diese Macht sonst korrumpieren und so schlecht machen würde, wie die einstigen Besatzer. Und so gab er das Schwert wieder zurück und die Schildkröte nahm es in ihren Schnabel, ehe sie damit im See abtauchte und dem Kaiser eine gute und maßvolle Herrschaft wünschte. Le Lois Regentszeit begann eine neue Blüte für Vietnam und alle späteren Kaiser maßen sich nur noch an ihm.

 

zitiert aus «Der hundertknotige Bambus», Reclam 1975, Leipzig.

Titelbild: ZideanART

Hoan Kim See in Hanoi, wo Le Loi das Schwert aus dem Wasser gezogen haben soll.

 

 


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Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport, und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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