Battlefield 1: Spielplatz im „Fleischwolf“

Endlich! Unter herben Verlusten haben wir in unserem 2. Angriff die Stellungen der Briten mit der Hilfe eines Luftschiffes überrannt. Die verbliebenen „Jerrys“ fliehen in den nächsten Sektor und wir folgen unter lauten Kriegsgeschrei hinterher. Die von Granaten und Gräben zerpflügte Landschaft wechselt in die noch heile Welt der französischen Provinz. Neben uns rasselt ein vollbesetzter A7V in Richtung der neuen feindlichen Stellungen und spuckt Blei auf alles was einen „Suppenteller“ auf dem Kopf hat. Unsere Jäger fliegen im Tiefflug auf die feindlichen Bomber zu, die sich auf unser Luftschiff eingeschossen haben. Unserer Truppkommandant gibt Befehl die Kirche auf einem nahen Hügel einzunehmen, gerade als unser Trupp sich in Bewegung setzt, schlagen Granaten ein und ein feindlicher Scharfschütze schaltet einen Kameraden aus. Ich sehe noch wie die Reflexion seines Zielfernrohres auf mich schwenkt und sinke wenig später getroffen zu Boden… Was die Aufmerksamkeit kurz auf das Chat-Fenster lenkt. Dort steht in großes Lettern: „FUCK DICE! I cant get out of this fucking gun!“.

Willkommen in Battlefield 1! Dem wohl authentischsten un-authentischsten Spiel zum Ersten Weltkrieg, der Ur-Katastrophe der jüngeren Geschichte.  

Eins vorweg: Bei Battlefield 1 handelt es sich um eine Fantasie-Interpretation des 1. WK und wurde hart auf politische Korrektheit getrimmt. So kämpfen auf Seiten der europäische Mächte auch Nicht-Weiße z.B. an der West-Front in verrückt hoher Anzahl mit. Dies wurde heftig kritisiert und debattiert. Tatsächlich ist es aber punktuell gerechtfertigt: Auf der deutschen Seite wird damit den Askari gedacht, die sonst gar nicht auftauchen würden oder auch den – in verschwindend geringer Anzahl existierenden – schwarzen Soldaten die tatsächlich für „Kaiser, Volk und Vaterland“ in Europa gekämpft haben. Wie z.B. im 25. Landwehr Infanterie Regiment.  Hätte man einen deutschen Soldaten einen Davids-Stern-Anhänger verpasst, wäre das Angesicht der 12.000 gefallenen jüdischen Soldaten sicher angemessener gewesen. Auf amerikanischer und britischer Seite kämpfen entsprechend auch Schwarze und Inder mit. Was viel mehr auffällt als die gezwungen gefühlte „Diversity“, ist der fiktionale Stand der Technik. Fast jede Klasse rennt mit Voll- oder Halbautomatischen Waffen herum. Brand- und Gas-Granaten zählen zur Standardausrüstung, Luftschiffe halten selbst Bomben aus und wenn ein Panzer einen mit einem Affentempo überfährt, schaltet der historisch-korrekte Spieler einfach den Rechner aus oder wechselt sofort zu dem Spiel „Verdun“. Die Uniformen sind ohnehin in BF1 nur semi-akkurat.

Auf die Kampagne („Kriegsgeschichten“ genannt) werde ich übrigens nicht eingehen. Battlefield ist primär ein Mehrspieler-Titel und die Szenen die ich bisher in diesen „Geschichten“ gespielt habe sind mal wieder simple Stories ohne Mehrwert, die zwischen schönen Bildern und einigen netten Ideen, leider nur wieder mit Rambo-Einheiten „glänzen“. In diesen mäht der Spieler Schießbudenfiguren in Form deutscher, österreich-ungarischer Landser oder osmanischer Soldaten nieder. Kriegsgeschichten auf Seiten der Mittelmächte gibt es gleich gar nicht.  Frankreich und Russland als einige der Hauptakteure des Krieges werden nur als DLC nachgereicht! Was für eine unverschämte Unmöglichkeit angesichts der doch so beschworenen Korrektheit und Sensibilität. Hier schlägt die Marktorientierung an den angelsächsischen Raum voll durch.

Traumhafter Alptraum

Wenn man diese politischen Kor- und historischen Unkorrektheiten verdaut hat, bekommt man ein grandioses Spiel geliefert. Die Inszenierung und grafische Umsetzung orientiert sich sehr stark an Steven Spielbergs „War Horse“ (Ausschnitt auf YouTube), dem ultraschlechten Film „Flyboys“ (2006) oder dem deutschen Film „Der Rote Baron“ (ebenfalls eine Szene auf YouTube) und glänzt mit beeindruckender Natürlichkeit und Stimmigkeit. Selten sehen Kriegsschauplätze aufgesetzt aus, die Landschaft gibt sich organisch. Die dynamischen Wettereffekte können die Erfahrung eines Spieles stark verändern und sorgen daher für willkommene Abwechslung für den Spieler. Noch dazu ist das Terrain durch Sprengstoff verformbar, viele Gebäude lassen sich bis auf die Grundmauern zerstören. Lediglich Objekte auf spielentscheidenden Schauplätzen haben unzerstörbare Teile. Die Schlachten führen den Spieler durch die saftig grüne Landschaft Frankreichs, prächtige Ausblicke in umkämpften Alpen-Pässen und staubigen Wüsten um den Suez-Kanal. Dabei geraten gerade die Wüsten-Szenarien etwas zu langatmig und abwechslungsarm. Der Soundtrack ist stimmig und passt sich der Schlachtsituation an. Soldaten brüllen Meldungen und Flüche angemessen über das Schlachtfeld.

Es ist vor allem ein Spiel – ein sehr gutes sogar. 

Genug mit dem Spielfeld! Wie sieht es mit dem Spiel aus? Oft wurde Battlefield 1 vorgeworfen, es sei ein simpler Reskin von Battlefield 4, also dass die Entwickler nur die Äußerlichkeiten geändert hätten. Tatsächlich spielt sich BF1 durch die automatischen Waffen ähnlich schnell. Doch durch die geschickte Begrenzung der Ausrüstung und dem überarbeiteten Trupp- und Zusammenspiel-System, wird jetzt mehr Zusammengespielt bzw. dieses mehr belohnt. Dadurch haben auch Teams eine höhere Gewinn-Chance, die nicht nur aus Killermaschinen zusammengesetzt sind. Allerdings gibt es auch jetzt schon Spieler deren Fähigkeiten ins Absurde gehen und Spiele quasi alleine entscheiden. Stellenweise wird die Teamabhängigkeit dadurch noch heftiger: Hat der Spieler Pech und landet in einem chaotischen Team, ist das Spiel verloren. Tendenziell raufen sich die Spieler aber öfter noch zusammen. Die meisten Karten sind ausgewogen und ermöglichen vollkommen unterschiedliche Schlachtverläufe und Knotenpunkte. „Fleischwolf“-Stellen tauchen zwar immer wieder mal auf aber durch geschicktes Flankieren oder konzentrierte Aktionen lassen sich fast alle Punkte knacken. Der eine oder andere denkt hier vll. mit Grausen an „Locker / Operation Spind“ aus BF 4 oder „Metro“ aus BF3. Fahrzeugkomponenten können nun endlich zerstört werden, was dem Spiel eine zusätzliche taktische Note gibt.

Als Spiel-Modi gibt es wieder das klassische Flaggen-Erobern bis – Neuerung! – die maximale Punkteanzahl erreicht ist, Team-Deathmatch (Feindliche Tickets auf Null bringen), Rush (Bombenlegen) und auch den Kriegs-Tauben-Modus. Hier kämpfen zwei Teams um einen Taubenschlag. Wurde dieser von einem Spieler aufgenommen, beginnt der Spieler eine Nachricht zu schreiben. Ist er fertig muss er die Taube entlassen. Das gegnerische Team muss das verhindern und bekommt daher den Tauben-Schreiber angezeigt. Ist die Taube in der Luft, kann diese auch noch abgeschossen werden. Der Modus klingt so absurd wie spannend. Leider habe ich ihn oft als sehr chaotisch und unausgeglichen erlebt. Neu in der Reihe und ab nun wohl ein neuer Standard ist der Operations-Modus. Dieser ähnelt den Kampagnen der „Enemy Territory“-Reihe. Diese Mischung aus Inszenierung (durch kleine Intros), Rush- und Eroberungs-Modus bekommt man ein packendes und mitreißendes Spiel vorgesetzt. Ein Angriffsteam muss sich dabei mit begrenzten Angriffswellen durch die feindlichen Sektoren kämpfen, um dann auf einer neuen Karte den finalen Angriff durchzuführen. Scheitert eine Welle („Battalion“ genannt), bekommt die Angriffsseite nicht nur wieder volle Ticketanzahl sondern auch noch einen „Behemoth“. Je nach Operation und Karte handelt es sich dabei um einen Panzerzug, oben genanntes Luftschiff oder einen Schlachtkreuzer.

Hardcore- oder Luftschlacht-Server sollen in den kommenden Monaten noch nachgelieferten werden. Gerade in Kombination mit den DLCs bleibt es spannend, ob BF1 auch langfristig motivieren kann.

Technik und „Käferbefall“

Wie schon gesagt ist die Balance überraschend gut gelungen. Jede Klasse macht Sinn und spielt sich anders. Das Spiel läuft für einen DICE-Titel ausgesprochen stabil und „käferfrei“. Leider ist das Party-System, indem man sich mit Freunden für ein Spiel zusammenschließen kann fehleranfällig und bedienungsfeindlich, die Menüs hakelig und manchmal irritierend oder bevormundend. So kann der Spieler seine Klassen nicht außerhalb des Spiels konfigurieren. Aktuell ist auch die Punkteverteilung am Ende einer Operation wirr. Auf einigen Maps tauchen Grafikfehler auf und viele Spieler berichten von Bugs in denen man in einem Geschütz hängen bleibt, unfähig ist es zu verlassen oder zu schießen. Auch nach der Wiederbelebung durch einen Sanitäter kann dieser Fall der „Lähmung“ eintreten. Hier kann aber durch das Aufrufen der Konsole oder einen Wechsel auf den Desktop Abhilfe geschaffen werden. Ein alter Klassiker unter den Fehlern ist auch dabei: Die Server bzw. das Matchmaking von EA schmieren zwar regelmäßig ab, sind aber aber aktuell für so einen neuen Titel angenehm stabil.

Battlefield 1 ist ein überzeugender Titel der Battlefield-Reihe, welcher noch viel Potential hat, obwohl es jetzt schon voll spielbar ist. Gutes Spielgefühl verbindet sich mit einer hervorragenden, stimmigen Inszenierung. Wer ein paar Freunde mit aufs „Schlachtfeld“ nehmen kann, wird sicher einige zig Stunden Spielspaß haben.

 

 

 

Bild :https://www.flickr.com/photos/bagogames/26768623172

 

Weiterführend:  Farbige Soldaten in der deutschen Armee

 

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Quelle: https://www.flickr.com/photos/joerookery/

 


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Cundar wurde in Oberfranken geboren. Sein näheres Umfeld, Zivildienst, Pfadfindertum und ein sehr interdisziplinäres Studium präg(t)en seine Weltanschauung. Die bezeichnet er gerne als „katholisch, rechtsradikal und liberal“ (Kuehnelt-Leddihn lässt grüßen). „Katholisch“ in einem ziemlich traditionellen Sinn, „rechts“ meint patriotisch, „radikal“ im Sinne von „reaktionsfreudig“ sowie „unabhängig“ und „liberal“ im Sinne persönlichen Freiheitsdenken. Früher bei die „Jungdeutschen“. Jetzt hauptsächlich als Privatperson ansonsten hin- und wieder schriftstellerisch bei YoungGerman tätig.

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