Er fiel allein bei Takur Ghar

US-Air Force Sergeant John Chapman soll die Medal of Honor postum verliehen bekommen. Und er hat sie sich mehr als verdient. Kein Mann sollte in einer Situation wie seiner stehen müssen. Alleine und von den eigenen Kameraden verlassen, kämpfte Chapman bis zur letzten Patrone und mit dem Kampfmesser gegen die anrückende Übermacht von Al-Qaeda Kämpfern. Seine Geschichte ist die Geschichte eines Helden, der nicht hätte sterben müssen. Noch im Rahmen der anfänglichen Invasion von Afghanistan durch US-Special Forces kam es auf dem afghanischen Berg Takur Ghar zu einem Gefecht, das in die amerikanische Geschichte eingehen sollte. US-Geheimdienstler hatten herausgefunden, dass feindliche Kräfte von Al-Qaeda sich auf den Hängen und in den Höhlen dort oben verschanzt hatten.  Im Verlauf der sogenannten Operation „Anaconda“ sollten die Taliban und ihre Verbündeten Al-Qaeda Kämpfer im Shahi-Kot Tal durch die allierten Einsatzgruppen „Hammer“ und „Anvil“ zusammengetrieben und vernichtet werden.

Mit Chinook Hubschraubern landeten die amerikanischen und SEALs und Rangers, sowie Airmen auf der Spitze des Berges, was sich bereits im Landeanflug als fataler Fehler erwies. Im Anflug auf die Höhen wurden die Hubschrauber von mehreren RPG-Schützen von unterhalb beschossen und eine der Maschinen wurde getroffen. Dabei wurde der Soldat Neil C. Roberts aus der offenen Rampe seines Chinook „Razor 3“ geschleudert und stürzte in die Tiefe. Es war scheinbar so, dass der Verlust Roberts nicht sofort auffiel.

Während das Feuer aus russischen Maschinenkanonen und leichteren MG´s auf die US-Truppen eröffnet wurde, bemerkte man den Absturz von Roberts erst einige Sekunden später, sodass Razor 3 sofort umdrehte und versuchte den verlorenen Kameraden einzusammeln. Aufgrund heftigsten Abwehrfeuers der Terroristen war es den Piloten jedoch nicht möglich weiter unten zu landen, wo man Roberts vermutete. Razor 4, der zweite Chinook, wurde über den Absturz Roberts informiert und drehte unmittelbar bei, um den Soldaten zu bergen. Unter Aufbietung verbundenen Deckungsfeuers beider Hubschrauber und ihrer Besatzungen konnte Razor 4 nahe der Spitze landen und entlud dort sofort das Einsatzteam, welches jedoch augenblicklich unter Beschuss kam. Dabei wurden mindestens zwei Soldaten sofort getötet, während Sergeant Chapman verwundet wurde.  Sein Vorgesetzter hielt ihn in diesem Augenblick ebenfalls für tot, sodass er ohne die Leichen zu bergen die eigene Position evakuierte und mit den Überlenden an anderer Stelle erneut angriff.

Hier beginnt die Geschichte von Chapman eigentlich. Denn neuen Berichten und Drohnen-Bildern nach, überlebte Chapman seine erste Verwundung und war gar nicht tot. Er kam kurz nach dem Rückzug seiner Kameraden inmitten der Leichen wieder zu sich und fand sich plötzlich umringt von feindlichen Kämpfern, die er trotz seiner Verletzung, mit allen Mitteln für mindestens 40 Minuten bekämpfte, ehe ihm die Munition ausging. Die US-Air Force sieht in den Drohnen-Aufnahmen Indizien dafür, dass Chapman noch im Nahkampf einen feindlichen Kämpfer tötete, ehe er selbst überwältigt wurde.  Seine später geborgene Leiche scheint die Annahme zu bestätigen, dass Chapman nicht durch seine erste Verwundung getötet wurde, sondern viel später erst durch mehrere Schussverletzungen fiel.

Diese Dinge können passieren. Chapmans postume Ehrung mit der höchsten militärischen Ehre ist gerechtfertigt. Man nimmt an, dass Chapman über das soldatische Mindeste hinaus Tapferkeit in einer grauenhaften Situation bewiesen hat. Für seinen Vorgesetzten mag das anfängliche Überleben des Airmen keine gute Nachricht gewesen sein. Schließlich hatte er ihn versehentlich für Tod erklärt und trägt dadurch die Verantwortung für seinen tatsächlichen Tod. Man lässt keine Kameraden zurück – aber letztendlich war es nicht mangelnde Kameradschaft, sondern menschlicher Irrturm, die dazu führte, dass Chapman zurückgelassen wurde.

Dennoch : Was muss das für ein Gefühl gewesen sein, als Chapman realisiert haben musste, dass man ihn auf der Spitze von Takur Ghar vergessen hatte.

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

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