Das letzte Dorf

 

„Unsinn!“, sagte der Magistrat und fuchtelte mit der fetten Hand. Sein quellendes Kinn waberte mit jedem weiterem Wort. „Hier im Dorf kann uns nicht passieren! Wir sind weit ab des Trubels und der großen Stadt! Was kümmert uns schon die Stadt?“ Es klatschte Beifall, was an Volk im Rathaus versammelt war. Das ganze Dorf mit seinen dreihundert Seelen. „Wir sind sicher hier!“ Die bekräftigenden Floskeln des Magistrats verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Schmied stand isoliert und einsam mit seinen Warnungen inmitten der Menschen. Seine buschigen Augenbrauen senkten sich müde, als laste das Gewicht der Welt auf seiner Stirn. Sein Blick fuhr durch die versammelte Menge, die gleichsam ängstlich und hoffnungsvoll zurückschaute, als erwarte sie jeden Moment einen fürchterlichen Widerspruch vom Schmied.

„Schmied sprich!“ rief der Schuster dem Schmied zu und leckte sich nervös die trockenen Lippen. Der Schuster war der Einzige, der nicht geklatscht hatte. Genau wie der Schmied war er oft in der Stadt gewesen. Geschäftlich natürlich. Beide hatten sie gesehen, was die Große Armee des Feindes in der Stadt angerichtet hatte. Beide wussten sie, dass die Stadt nicht so weit weg war, wie sich das die Dörfler wünschten und sie wussten auch, dass das Dorf nicht so weit vom Wege lag, wie man hier glaubte.

„Aye! Ich spreche doch! Hört ihr mich nicht, Leute? Morgen werden sie da sein, sag ich euch. Morgen schon! Dann wird´s euch vergehen, weil ihr nicht auch nur einen Schilling aufgebracht habt für die Mauer! Nie einen Gedanken verschwendet habt für den Wassergraben und die alte Brücke! Der Fluss ist tief! Doch wer schützt die Brücke, wenn die Große Armee kommt?“

„Woher weißt du, dass sie kommt Schmied? Sie könnte auch in die andere Richtung gehen!“

Zustimmendes Gemurmel resonierte mit dem Magistrat. Niemand wollte glauben, dass die Große Armee wirklich ins Dorf kommen würde. Niemand kam jemals ins Dorf, wo sich alle kannten und selten ein Fremder kam. Die Stadt, das Königreich und die Probleme der Welt, waren nicht die Probleme des Dorfes. Hier war alles rechtens. Hier würde immer alles rechtens bleiben. Es konnte nicht sein, was nicht sein darf.

„Sie kommen und ich versprech‘s euch! Wie eine Flut ergießen sie sich auf das Königreich, die Stadt und nun auch bald unser Dorf. Wir müssen das Dorf verteidigen!“ Die Worte des Schmieds verhallten in der Stille der Halle. Niemand rührte sich. Keiner fühlte sich angesprochen. „Ich geh mit dir zur Brücke, Schmied“, sprach der Schuster plötzlich und stand aufrecht inmitten der sitzenden Menge. Ein tiefes Raunen durchfuhr das Menschengewühl der Dorfbewohner. Einer stand und gab Beispiel für Andere.

„Kommt alle! Liebe Leute! Kommt alle und verteidigt die Brücke! Kommt mit mir und dem Schuster! Ihr wart nicht bei der Heerschau als der König nach uns rief! Ihr wart nicht bei der Großen Schlacht und habt nicht gegen die Invasoren gekämpft, als das Königreich euch brauchte. Ihr wart nicht in der Stadt, als die Stadt euch rief und die Mauern belagert wurden! Ihr wart nicht beim Anderen Dorf, als dieses uns anrief und um Hilfe gegen die Große Armee bat. Nie seid ihr gekommen, nie habt ihr einen Finger krumm gemacht. Nicht für das Königreich, nicht für die Stadt und nicht für die Nachbarn. Aber nun, wo alles zählt, wo es um unser Dorf geht, müsst ihr da sein!“

Beifall ertönte. Es klatschte die Menge und jubelte. Kampfgeist erfüllte sie. Ein Leben der Untätigkeit sollte Morgen gesühnt werden, so schien es. Mit „Hurra, Hurra!“ stürmte das Volk aus dem Rathaus und griff zu jenen Waffen, denen es noch habhaft werden konnte. Denn Morgen sollte die Große Armee ja schon kommen. Morgen schon.

 

Dunstiger Nebel waberte träge über dem großen Fluss des Dorfes. Die Brücke war voll mit kräftigen Burschen und rüstigen Herren. Dreißig waren gekommen. Dreißig von Dreihundert hatten Wort gehalten und waren gekommen. Und als die Große Armee endlich zu hören war, bebte die Erde unter dem Schritt der endlosen Legionen. Als die Große Armee vor der Brücke stand, erkannten all die Narren, dass es nun zu spät war. Da erkannten sie alle, dass es nun kein Mittel mehr gegen die Große Armee gab. Jetzt nicht mehr.

„Ha!“ lachte der Heerführer der Großen Armee und wies mit beiden Händen auf die endlosen Linien seiner Großen Armee. „Ihr habt die Grenze nicht verteidigt, liebe Dorfleute. Ihr habt nicht in der Großen Schlacht mit eurem König und eurem Heer gekämpft. Ihr wart nicht zu sehen, als die Stadt von uns belagert wurde und ihr seid nicht gekommen, als das Andere Dorf nach Hilfe schrie! Nun ist‘s um euch geschehen! Nun ist‘s zu spät kleiner Schmied!“

Und als das Große Heer die Brücke betrat, da klirrten die Waffen und es flüchtete sich alles bis auf den Schmied und den Schuster von der Brücke.

„Die Brücke ist schmal Schmied. Zwei Männer können sie eine Weile lang halten. Was sagst du, Schmied?“

„Ich sage…Der Tod kommt früher oder später. Wie kann ein Mann auch besser sterben, als im Angesicht seiner schrecklichsten Feinde und schlechter Chancen? Wie besser, als für die Asche seiner Ahnen und unter den Augen seiner Götter?“

Horatius_Cocles_defending_the_Bridge_-_Google_Art_Project

Horatius held the bridge. Rome did not fall that day.

Lektorat: Jasmin T.

 



Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

5 thoughts on “Das letzte Dorf

  1. Danke das passt ja auf die heutige Zeit.Bloss mit dem Unterschied das man uns nach die Moeglichkeit nimmt uns zu verteidigen.Dabei will Ich nicht unerwaehnt lassen das man die Grosse Armee freiwillig ins Land holt auf Anweisung von Koenigin M.und die grosse Armee bei Ihrem Einmarsch noch beklatscht und bejubelt.

  2. „Was würde aus der Menschheit, wenn man nicht von Zeit zu Zeit Heldengeister auftreten, um ihr einen neuen Schwung zu geben, ihr aufzuhelfen, sie zu erfrischen? Gerade durch diese Heroen wird das Leben der Sittlichkeit immer wieder neu geboren.“

    Und:

    „Stirb du stehend!“

    – Horaz, Römischer Dichter

    1. „It is better to die on your feet than to live on your knees“ – Wobei immer Sinn und Nutzen hinter einem solchen Opfer stehen sollte. Und wenn es nur andere inspiriert.

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