Zeit für einen Bündniswechsel

Vorwort:

Verehrte Leser,

ich habe eine ganze Weile mit mir selbst gerungen und überlegt, ob ich einen solchen starken Positionsartikel wirklich schreiben möchte. Tatsächlich bin ich in mich gegangen und habe zunächst die letzten vier Jahre Entwicklung meiner eigenen politischen Positionen rückblickend betrachtet und dann mit der heutigen Weltpolitik verglichen, soweit ich diese verstehe. Mir ist völlig klar, dass ein Einzelner niemals alles verstehen und hinterblicken kann und dass das eigene Weltbild, so komplex es auch sein mag, nur eine unvollständige Abbildung der Realität sein kann. Ein Umstand, der von den Dummen und Naiven natürlich nicht verstanden wird. Aber dies soll nicht Thema dieses (langen) Artikels sein. Ich habe mich selbst nie als sonderlich anglophil oder als „Transatlantiker” betrachtet. Eher als jemanden, der einen ausgeglichenen Kompromiss zwischen Nordatlantik und Eurasien sucht. Weder dem einem noch dem anderen völlig zugeneigt. Und ich muss doch eingestehen, dass ich mich in vielerlei Hinsicht von der amerikanischen Verfassung in ihrer rohen Form und den Ideen der Freiheit nach Verständnis der Republik weiterhin verbunden fühle. In meinen Artikeln über Politik und vor allem über Geopolitik des 20. und 21. Jahrhunderts, bin ich meiner Meinung nach um verhältnismäßige Neutralität bemüht (es gibt sie natürlich nie, die „Neutralität”, da ein Mensch in der Qualität und Quantität des eigenen Wissens beschränkt ist und ein kurzer Artikel nur einen Ausschnitt der Realität zeigen kann). 

Ich habe in einem frühen Artikel eine Lanze für die russische Sache gebrochen und die westlichen Sanktionen kritisiert und gleichzeitig in späteren Diskussionen der US-Außenpolitik versucht zu zeigen, dass auch die USA „nur” Interessen verfolgen und nicht das „Imperium des Bösen” sind. Ein reflexartiger Antiamerikanismus um des Antiamerikanismus willen war mir stets zu bieder. Aber es lässt sich auch nicht von der Hand weisen, dass die US-amerikanische Außenpolitik seit Ende des Kalten Krieges ein Abbild des Chaos ist. Im folgenden Artikel möchte ich darlegen, warum Deutschland und damit am Ende Kontinentaleuropa eine Abwendung von Washington benötigt und sich politisch auf Moskau zubewegen sollte. Dies soll ein Denkanstoß sein, da mir natürlich bewusst ist, dass kaum jemand von uns in gestalterischer politischer Position sitzt und tatsächlichen Einfluss auf die Außenpolitik der Bundesrepublik hat. Dennoch soll hier in Form von Diskurs der Grundstein für zukünftige Handlungen und Ideen gegeben werden. 

 

 

Kalter Krieg und gemeinsame Interessen 

Wenn ich davon spreche, dass sich Deutschland von den USA emanzipieren muss, dann muss zunächst geklärt werden, warum Deutschland im Moment eben nicht emanzipiert ist und wie es zu dieser Unmündigkeit gekommen ist. Ich lege den Fokus hier auf das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Niederlage Deutschlands und die Aufteilung Europas in Ost und West. Sowohl Westdeutschland als auch Ostdeutschland waren natürlich Vasallenstaaten der beiden Supermächte UdSSR und USA. Westdeutschland soll hier hervorgehoben werden, als das es zwar genau wie der Osten okkupiert war, jedoch zumindest bis zum Ende des Kalten Krieges einen gewissen Eigennutzen aus dieser Okkupation heraus entnehmen konnte. Die Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland unter Aufsicht der Westmächte zu einer freiheitlichen Republik ist nicht per se etwas, was dem Freiheitsgedanken der Deutschen widerspricht. Auch der Kampf gegen den damals noch immer präsenten stalinistischen Kommunismus war im Eigeninteresse der BRD. Insofern waren Mitgliedschaft in der NATO und Okkupation durch die Westmächte, welche die Bundesrepublik politisch als Bollwerk missbrauchten, keine absoluten Gegensätze zwischen Bonn und Washington. Die Entspannungspolitik in den nachfolgenden Jahrzehnten nahm jedoch glücklicherweise den Druck aus der angespannten Situation und führte zu einer notwendigen Annäherung zwischen Ost und West. Ein Krieg zwischen Ost und West wäre natürlich nicht im Interesse der Deutschen in beiden deutschen Staaten gewesen. Ich bezweifle, dass überhaupt jemand auf der Weltbühne bei einer solchen apokalyptischen Konfrontation Nutzen hätte ziehen können.

 



Ohne Russ kein Schuss

Nun kam mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch die Wende und damit der Anschluss von Ostdeutschland an den Westen und damit auch die Übernahme in die NATO. Hier beginnt der eigentliche Bruch zwischen Europa und Amerika. Mit dem Wegfall der UdSSR als Supermacht und potenzielle Bedrohung für Europa, hätte auch die Mitgliedschaft und die bloße Existenz der NATO in Zweifel gezogen werden sollen. Das post-sowjetische Russland war viel zu schwach und mit internen Kriegen und Konflikten überfordert, als dass es eine Bedrohung für den Westen hätte darstellen können. Es stand von Seiten der damaligen russischen Regierung auch überhaupt kein Wunsch mehr nach Konfrontation, sondern nur noch nach Annäherung.

Aber wenn die NATO als Pakt, ja karolingisches Bündnis zwischen Europa und Nordamerika beschworen wurde, dann fiel mit dem Zerfall des kommunistischen Blocks jede Grundlage für die NATO weg. Denn der Warschauer Pakt hatte sich ja selbst auch aufgelöst.

Hier beginnt auch die Erosion der Sinnhaftigkeit einer Bindung Europas und Deutschlands an Amerika und damit die NATO. Man erkennt nach 1990 eine zunehmende Allmachtsfantasie in der Politik Washingtons, die sich zunächst im Golfkrieg und dann im Kosovo bzw. Balkan niederschlägt. Aus dem Verteidigungsbündnis eine global agierende Militärmaschine zum Schutz und zur Etablierung von Demokratie und Menschenrechten zu machen, dürfte die Ur-Lüge oder der große Irrtum des Westens sein. Wenn die NATO Mitgliedschaft aus realistischer Angst vor den Kommunisten bestand, dann muss die heutige NATO-Politik als Ausweitung US-amerikanischer Interessen betrachtet werden. An dieser Stelle erwähne ich ehrlich, dass ich früher selbst nicht an das reine Machtkalkül des Pentagon geglaubt habe, sondern in dem Scheitern der US-Außenpolitik im Irak, Afghanistan und Kosovo einen guten Ansatz vermutet habe. „Sie wollten Demokratie einführen, scheiterten allerdings” – Also ein guter Vorsatz und schlechte Umsetzung.

Mittlerweile muss ich sagen, dass jedes Geschwafel von Demokratie, Menschenrechten und vermeintlicher Selbstbestimmung und natürlich Völkerrecht seitens der Amerikaner ein riesiger Haufen Heuchelei ist, der an Verlogenheit nicht zu überbieten ist. Es handelt sich tatsächlich nur um die Maskierung von Machtinteressen.

Chaos als Politik

Es ist die Widersprüchlichkeit und die Verzettelung in einem Netz von Lügen, welche mich zum Umdenken bewegt hat. Um mit den Worten von Peter Scholl Latour zu sprechen: „Ich habe nichts gegen einen Pax Americana. Aber er muss sinnvoll sein.”

Die momentane US-Außenpolitik ist nicht sinnvoll, sondern chaotisch und irrsinnig. Sie ist brandgefährlich geworden und verfolgt ein mittlerweile erkennbares Muster der Destabilisierung. Jeder Kriegsgrund des Westens entlarvte sich in den letzten Jahrzehnten als Lüge, Täuschung oder zumindest übereilte Reaktion aus einem Gefühl der Allmächtigkeit heraus. Niemand allein außer der Westen habe nun das Recht, die Welt nach seinem Bilde und in seinem Interesse zu formen. Die Beweisführung der Destabilisierung dürfte nicht schwer sein. Ein Blick auf den Irak, Afghanistan oder den Kosovo dürfte genügen. Alleine der Kosovo, der ja als befriedet, sicher und demokratisch galt, ist Herkunftsland von einem großen Teil der europäischen Flüchtlinge und befindet sich in einem Momentum des politischen Zerfalls, ja der Schwerelosigkeit, der nur durch die internationale Gemeinschaft aufrecht erhalten wird. Das „Nation-Building” der NATO hat dort nicht funktioniert und es hat auch in Afghanistan nicht funktioniert, dessen staatliche Strukturen auch nach 14 Jahren Besatzung und NATO-Mission nicht entwickelt genug sind, um den Zerfall aufzuhalten. Afghanistan ist genau wie der Irak – zum Flüchten.

Der Versuch, auch im Irak einen „Leuchtturm der Demokratie” zu errichten, entpuppte sich als völliges Scheitern der Koalition der Willigen. Der Irak in seiner Integrität existiert nicht mehr, und das Land befindet sich seit der US-Invasion von 2003 in einem Zustand des nicht enden wollenden Bürgerkrieges. Dass wirtschaftliche Interessen hinter dieser Invasion steckten, ahnten die Realpolitiker bereits damals.

Überhaupt erscheint mehr und mehr, dass jede westliche Intervention keine Stabilisierung, sondern Chaos zur Folge hat. Die Zerstörung der Regimes von Libyen durch die US-amerikanische Koalition hatte nicht die Etablierung eines liberal-demokratischen Regimes zur Folge, sondern Bürgerkrieg und den Aufstieg radikal-islamischer Kräfte. Der ganze arabische Frühling, der von den USA und westlichen Medien als demokratisches Erwachen des Nahen Ostens im Sinne des Westens besungen wurde, erwies sich am Ende als Horrorvision für nahezu jeden Staat am Mittelmeer. Die Unkenrufer behielten Recht. Daher ist auch die heimliche Teilhabe und Beeinflussung der Amerikaner an dieser arabischen Farbenrevolutionen in Ägypten und anderswo ein politischer Fehler von ungeheuren Dimensionen. Den „Regime Change” durch Geheimdienste, NGO´s und Druck zu erzwingen, führte überall nur zum Chaos. Es ist dieses Chaos, welches nun der Nährboden für Terrorismus und Flüchtlingsströme nach Europa ist. Obwohl die große Masse der europäischen Nationen bis auf einige Ausnahmen keine echte Teilnahme an der Außenpolitik Amerikas hatte, darf der ganze Kontinent nun doch die Folgen dieser Politik ausbaden.

Die Doppelzüngigkeit der US-Politik ist es auch, die sie für mich mittlerweile so befremdlich macht. Kurdistan sei hier als Beispiel angeführt. Obwohl die Kurden vom Sturz des Saddam-Regimes profitierten und die US-Intervention im Nordirak tatsächlich ein Erfolg war, zeigt sich doch nun, dass Washington ein doppeltes Spiel mit den Kurden gespielt hat und weiterhin spielt. Ob beabsichtigt oder nicht sei nun dahingestellt.

Der Wunsch der Kurden nach einer eigenen Nation auf Kosten des Irak, Syrien und der Türkei, widerspricht dem Interesse eines NATO-Mitgliedes. Nämlich der Türkei. Es ist diese Türkei, welche ja nun wieder einen Kleinkrieg gegen die Kurden führt. Hier beißt sich die ganze Konzeption der Syrien-Politik Amerikas in den Schwanz. Einerseits unterstützt man die Kurden und andererseits muss man zu den Türken halten, da diese NATO-Mitglied sind. Allerdings kann beides nicht funktionieren, da die Interessen dieser Parteien im Gegensatz zueinander stehen. Eine Unterstützung der Türkei bedeutet demnach eine Schwächung der Kurden und damit die Stärkung des IS. Der Aufbau einer eigenen gemäßigten Opposition in Syrien ist den Amerikanern nicht gelungen.  Sie existiert quasi nicht. Die freie Syrische Armee als Standbein einer säkularen Armee, ist zu schwach und kooperiert längst mit den Islamisten der Opposition. Sie ist durchsetzt mit radikal-islamischen Kämpfern, und das Pentagon hat die gescheiterte Ausbildungsmission längst beendet. Es gibt also keine gemäßigte Opposition in Syrien (Kurden hier außen vor). Dies bedeutet also, dass die weiterhin geforderte Zerschlagung des Assad-Regimes die Etablierung eines islamistischen Staatsgebildes zur Folge hätte. Oder eine weitere Zerstückelung des Nahen Ostens in Bürgerkriegsgebiete.

Wenn man diese Sachlage kennt, erscheint es doch beinahe absurd, wenn die USA von Russland einfordern, die Bombardierung der Opposition in Syrien sofort einzustellen, da diese doch gemäßigt sind. Man hat doch selbst zugegeben, dass es keine echte gemäßigte Opposition mehr gibt, oder etwa nicht? Überhaupt ist die russische Intervention, wenngleich aus machtpolitischen Interessen getragen (Schutz des eigenen Mittelmeerhafens in Syrien), die ERSTE, welche mit dem internationalen Recht im Einklang steht. Denn bisher erfolgte jeder Eingriff von fremdländischen Mächten ohne Bewilligung der Vereinten Nationen oder der syrischen Regierung. Die Legitimität der syrischen Regierung wird nur von der Opposition und den USA/Westen und seinen Medien angezweifelt. Eine unabhängige internationale Kommission, wenn es solche überhaupt gibt, durfte in dieser Hinsicht noch kein Urteil über Syrien und Assad fällen. Eigentlich widerspräche ein Eingriff jeder Partei auf Seiten einer nicht-staatlichen Opposition dem Prinzip der Nichteinmischung. Ein Grundsatz der internationalen Ordnung, welche jedoch scheinbar in unserer heutigen Zeit nichts mehr wert ist. Artikel 2 der UN-Satzung wurde von den USA/Saudi Arabien/Großbritannien/Deutschland mit dem Bombardement und der Aufrüstung einer nicht-staatlichen Kampftruppe in einem fremden Land im Grunde verletzt. Ohne irgendeine Form internationalen Konsens diesbezüglich. In diesem Fall ist Russland im Recht und Amerika ist im Unrecht, wenn es weiterhin Islamisten beim Umsturz unterstützt um den Iran und Russland im Mittelmeer auszustechen. 

Ukraine, Krim, Baltikum

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges und der „Annexion der Krim” muss ich sagen, dass ich anfänglich in den ursprünglichen Reflex des Kalten Krieges und des Weltkrieges verfallen bin. Nämlich die Angst. Die Angst vor einer russischen Invasion, vor sowjetischen Horden und einer Expansion der russischen Reiches nach Westen. In diesem Fall denkt man an die Worte von Putin in einem Interview, wo er den Umgang mit Russland auf die Angst im Westen zurückführte. Ein mächtiges Land, dass drohend und gefährlich über Europa schwebt. Das Bild von Massenvergewaltigungen durch Rotarmisten dürfte hier übermäßig präsent gewesen sein.

Aber nach einiger Zeit und eintretender Beruhigung dürfte man feststellen, dass hinter der russischen Intervention in der Ukraine keine Attacke, sondern ein Abwehrreflex steht, den ich in vorherigen Artikeln bereits thematisiert habe. Es sagt etwas aus, wenn US-NGO´s im Vorfeld seit Jahrzehnten zusammen mit Europa die langsame Annäherung der Ukraine an die NATO vorbereiten und für den Maidan, eine innerukrainische Angelegenheit, plötzlich McCain und andere US-Politiker nach Kiev kommen, um den Widerstand gegen Russland zu beschwören. Es ist ein Zeichen für ein tieferes Engagement der NATO in der Ukraine. Letztendlich geht es hier um Machtpolitik, und ein Teilaspekt der Situation in der Ukraine dürfte sein, der russischen Förderation die letzte bedeutende Marinebasis in der Krim und damit die Macht im Schwarzen und im Mittelmeer zu nehmen. Mit dem Verlust der Ukraine als kulturell mit Russland eng verbundene Nation hätte Washington Russland zu einer asiatischen Macht degradiert.

Der Sturz der pro-russischen Regierung hätte also auf kurze Sicht schon für Russland bedeuten können, dass NATO-Truppen die Umkreisung Russlands vollenden und den Machtbereich des Kreml weiter beschneiden. Vor diesem Hintergrund erscheint die „Rückeroberung” der Krim eher wie eine Antwort auf amerikanische Politik. Reaktion.

Wenn Russlands Handeln eine Reaktion war, dann muss geklärt werden, auf was reagiert wurde. Auf nichts anderes als die langsame Umzingelung der russischen Förderation, die Ausweitung der NATO zu einer globalen Militärmacht und letztendlich den Vorstoß Amerikas nach Zentralasien.  Das große Spiel der Weltmächte um die Kontrolle über Europa und Asien geht also ungebremst weiter. Es wäre wohl naiv anzunehmen, dass die USA hier nicht involviert wären. Schon jetzt zieht sich der Gürtel der US- und NATO-Basen um die gesamte russische Grenze und vom Atlantik bis nach Japan. Wer dies aus der russischen, chinesischen oder iranischen Perspektive betrachtet, kann vielleicht die Ängste dieser Länder vor einer Einschränkung ihrer staatlichen Souveränität und der eigenen Ambitionen verstehen.

Angst ist überhaupt der große Motivator in diesem Spiel der Mächte. Es macht auch die Reaktion der Polen und der baltischen Kleinstaaten verständlich, welche sich historisch bedingt vor Russland und seiner Macht fürchten und daher die Annäherung an Amerika und die NATO suchen. Wenn man bedenkt, dass Russland auch anderorts tatsächlich eine territoriale Erweiterung  durchführt, erhält diese Befürchtung ein wenig Rückhalt. Allerdings lässt sich der Georgien-Konflikt nicht mit dem Baltikum vergleichen. Ich möchte anregen, dass die Georgier als Mitgliedsland für die NATO gehandelt werden und eigentlich bereits ein heimliches Mitglied der Allianz sind (Starke Beteiligung an allen NATO-Außenmissionen: Irak, Afghanistan usw.) Die Etablierung eines ossetischen Pufferstaates ist hierbei genau wie die Schaffung eines „unabhängigen Donbass” die Reaktion auf die schleichende Annäherung der NATO an die russischen Grenzen. Natürlich möchte Russland keine weitere Grenze mit der NATO haben und schafft sich deshalb kleine Zwergstaaten als künstliche Grenzen.

Die Angst der Polen und Balten vor den Russen dürfte in letzter Konsequenz jedoch unbegründet sein. Es ist auch einer der Gründe, warum ich anschließend für eine Anbindung an Russland werbe und für die Emanzipation von Amerika. Denn Russland ist als kontinentale Macht und Großmacht simpel nicht stark genug und nicht dumm genug, von sich aus eine militärische Konfrontation mit der NATO zu suchen. Das russische Vielvölkerreich erstreckt sich über Europa und Asien, und der russische Staat ist anders als die USA in einem beständigen Kleinkrieg mit Rebellen, Terroristen und nun auch über das Donbass mit den USA verwickelt (neben Syrien noch ein Stellvertreterkrieg). Es hat gar nicht die Kraft und auch kein Bedürfnis, das Baltikum zu erobern, oder sollte es zumindest nicht haben. Die absurde Hysterie der Polen und ihre Urangst vor den Russen ist zwar verständlich, aber unsinnig. Jede Konfrontation zwischen NATO und Russland und damit auch China würde in einer Apokalypse enden. Ein Einmarsch der Russen ist wohl nicht zu befürchten. Wenn ich mich irre und er doch kommt, spielt es ja eh keine Rolle mehr, da diese Konfrontation zwischen West und Ost nuklear werden dürfte. Eine Aufbauschung der Konflikte und Bruchlinien zwischen Russland und Europa kann also nicht im deutschen Interesse sein.


 

Das deutsche Interesse

Also was ist das deutsche Interesse eigentlich? Diese Frage beschäftigt mich vor allem, seitdem ich erfahren habe, was das amerikanische Interesse ist. Denn wenn wir verstehen, was das amerikanische Interesse ist, dann können wir uns ableiten, was das deutsche Interesse sein muss. Dafür führen wir am besten Stratfor als amerikanischen Thinktank oder den außenpolitischen Berater Zbigniew Brzezinski an. Auch Samuel Huntington oder Kissinger ließen sich hier erwähnen, und das obwohl Huntington beileibe kein Deutschenfeind wahr. Aber ich nehme diese Personen und Organisationen mit Einfluss, um eine Konstante angloamerikanischer Interessen im letzten Jahrhundert und in diesem Jahrhundert zu verdeutlichen.

Das angloamerikanische Interesse ist es, Deutschland und Russland dauerhaft gegeneinander aufzuhetzen und zu entzweien. „Wenn deutsches Kapital und deutsche Technologie mit russischer Arbeitskraft und Ressourcen kooperiert, wäre dies eine existentielle Bedrohung für die USA” (Friedman, Stratfor) –> „Hauptziel ist die Verhinderung einer Allianz zwischen Russland und Deutschland”.

Es ist dieses Kontinentalbündnis, welches von Amerika gefürchtet wird. Es ist diese Allianz, die Brzezinski ebenfalls neben China als Hauptgefahr für US-amerikanische Interessen lokalisiert. Wenn diese Union aus Russen und Deutschen also niemals geschehen darf und dies das Interesse Amerikas ist, müssen wir uns zumindest fragen, ob dies vielleicht im Interesse der Deutschen ist, wenn diese Union DOCH zustande kommt. Denn wir wissen, was passiert, wenn sie nicht existiert. Wir haben gesehen, was passiert, wenn Russland und Deutschland Feinde sind.

 

Ein Blick auf die deutsche Geschichte zeigt uns, dass Russland und Deutschland in beiden Weltkriegen verfeindet waren, und diese Tatsache hatte katastrophale Folgen für ganz Europa und die Welt. In beiden Fällen brachte es den Untergang der jeweils einen oder anderen Regierung und den Tod von Millionen. In beiden Fällen gingen die angloamerikanischen Mächte als Sieger aus dieser Konfrontation von Deutschland und Russland hervor. Daher sage ich, dass jede Entwicklung hin zu einer Konfrontation mit Russland nicht im Interesse Europas und damit im Interesse Deutschlands sein kann. Zwangsläufig. Es ist im Grunde ein Urkonflikt zwischen Kontinentalmächten und Seemächten. Sowohl Großbritannien als auch USA sind Seemächte und können deswegen gar nicht die selbe Interessenlage wie Russland oder Deutschland verfolgen, welche zwar beide eine Marine besitzen, sich jedoch als Kontinentalmächte definieren. Die Interessen Russlands und Deutschlands sind in Europa und Zentralasien. Sie sind kontinental. Die Interessen Amerikas sind pazifisch, atlantisch und damit global.  Die Destabilisierung Europas durch die Flüchtlingskrise und Kleinkriege auf dem Balkan, der Ukraine oder sonstwo, interessiert die USA im Grunde nicht. Es tangiert die Supermacht NULL, da zwischen Europa und Amerika der Atlantik liegt. Jede außenpolitische Handlung Washingtons und das Stiften von Unruhe im Nahen Osten oder in Europa (beabsichtigt oder nicht), hat keinerlei direkte Auswirkungen im Sinne körperlicher Gefahr. Europa allerdings wird von jeder Destabilisierung der eurasischen Region unmittelbar betroffen sein. Die Zerstörung des Nahen Ostens trifft uns genauso hart, wie die Unruhe in der Ukraine. Da auch Russland in Europa liegt und 80% der Bevölkerung westlich des Ural lebt, hat auch Russland ein Interesse an einem stabilen Europa. Es ist insofern nicht nur die wirtschaftliche Vernetzung mit Deutschland und Europa die Russland wichtig ist, als auch seine innere Gefasstheit und Sicherheit.

Das bisherige Bündnis mit den USA erscheint angesichts der beinahe sklavischen Gefügsamkeit der deutschen Regierung nicht wie eine Allianz unter Partnern, sondern eher wie die servilen Handlungen eines Knechtes gegenüber dem Meister. Deutschland folgt den USA bedingungslos und ohne zu Fragen in typischer Nibelungentreue von einem Abenteuer ins nächste. Daher plädiere ich für den Bündniswechsel. Nicht aus romantischer Neigung gegenüber Russland heraus, sondern aus staatspolitischem Interesse. Es ist an der Zeit, etwas anderes zu probieren. Wenn die beständige Konfrontation zwischen Deutschland und Russland der Welt bisher nur Unglück gebracht hat und die Gefolgschaft gegenüber den USA bzw. der NATO uns mittlerweile überdrüssig geworden ist, dann ist die Konsequenz dieser Erkenntnis eine machtpolitische Allianz mit Russland.

Wie soll diese Allianz aussehen? 

Wenn es eine Allianz mit Russland jemals geben sollte, dann sollte sie drei Eigenschaft besitzen. Zunächst einmal darf sie nicht als Konzeption von Herrschaftsideen verstanden werden. Ich knüpfe eine Allianz zwischen Deutschland und Russland nicht an die Regierungsform der jeweiligen Staaten. Diese ist weitestgehend unbedeutend, solange keine totalitäre und menschenverachtende Diktatur in einem der Länder besteht.

Zweitens muss jede Verbindung zwischen Deutschland und Russland im Einklang mit Polen und den baltischen Kleinstaaten geschehen, da die Friedensordnung in Europa nicht durch eine mächtige Allianz zwischen den beiden Kontinentalmächten gefährdet werden darf. Es wäre äußerst unglücklich für die Entwicklung des Friedens in Europa, wenn sich Polen und kleine baltische Länder von dieser neuen Allianz unnötig bedroht fühlten und es deshalb der NATO/Amerika erlaubt wird, einen militärischen Keil dort hinein zu stoßen. Jede politische Verbindung zwischen Moskau und Berlin muss daher immer Warschau mit einbeziehen und auch die kleinen Länder beteiligen.

Drittens: Eine Allianz zwischen Deutschland und Russland muss vor allem wirtschaftlich und kulturell bestehen. Armeen mögen gewisse politische Schlagkraft möglich machen. Aber die Erschließung sibirischer Rohstoffquellen für Deutschland, gepaart mit der Diversifikation und dem Ausbau der russischen Industrie durch deutsches „Know how“ sollten die Prämissen der Politik sein. Gute Staatskunst misst sich nicht an der Größe der Armee, wie man an Amerika sehen dürfte. Gute Staatskunst heißt Aufbau der Wirtschaft, Stärkung des Rechtsstaates, der Bürgerbeteiligung und die Schaffung dauerhafter Stabilität. Dies bedeutet nicht, dass es keine militärische Zusammenarbeit geben soll. Allerdings darf eine deutsch-russische Allianz nicht als reiner Kriegsbund im Kampf gegen eine US-Hegemonie verstanden werden. Dies hätte zur Folge, dass eine schwere Konfrontation mit den USA provoziert wird, die ebenfalls nicht im Interesse Deutschlands sein kann.

Die Bindung an Russland entsteht hierbei ebenfalls aus Kalkül von unserer deutschen Seite heraus. Während die USA so stark und mächtig sind, dass ihre Verbündeten zwangsläufig von unten zu ihnen herauf schauen müssen, wäre eine Allianz zwischen Russland und Deutschland ein Bündnis unter Gleichen. Keines der beiden Länder ist dem anderen deutlich überlegen. Man brauch einander. Deutschland hat keine Rohstoffe und kaum militärische Macht, während Russland beides zur Genüge besitzt, dafür jedoch im Hochtechnologiesektor und in der Infrastruktur schwächelt. Man könnte sich gegenseitig helfen, und keines der beiden Länder kann in der heutigen politischen Situation darauf hoffen, den anderen durch Übermacht zu beherrschen.

Russland und Deutschland begegnen sich auf Augenhöhe. Es wäre eine Fortführung der deutsch-russischen Freundschaft, die ihre letzte große Ausprägung in den deutschen Befreiungskriegen hatte, als Deutsche und Russen zusammen standen und beide davon profitierten.

 

Geboren in Berlin und aufgewachsen im Wedding und Moabit.
Young German ist der Initiator und Hauptautor unseres Blogs. Ein Vielschreiber mitte 20, dessen Hauptfokus auf Außen- und Innenpolitik sowie militärischen Themen liegt. In seiner Freizeit treibt er gern Sport, und verbringt viel Zeit in der Natur, sofern er das als Städter einrichten kann und das Studium es erlaubt. Wie viele seiner Generation sucht er die Entspannung auch gerne mal in Form von Games, SciFi und Fantasy.

3 thoughts on “Zeit für einen Bündniswechsel

  1. Wie sehr würde ich mir eine Bündnis zwischen Deutschland und Russland wünschen.
    Endlich weg von der USA.
    Die Hoffnung stirbt ja wahrlich zu Letzt.

  2. Rein vom inneren Gefühl her, welches sich durch die zahlreichen Posts beweist, denke ich sehnen sich Russen wie auch Deutsche, nach einem freundschaftlichen Bündnis, auf Basis gegenseitigen Respekts und Achtung dem anderen gegenüber.
    Ich denke auch das innere Herzensgefühl ist stärker, als jede Ideologie, Propaganda, oder die verhindernden Mechanismen, wie Sanktionen, Zensur, Meinungsverbote, denn alles das hatten wir schon einige male in der Geschichte. Diese lehrte uns, daß Macht nur eine kurze Blüte hat, wie jeder Form des Imperialismus, sei es wirtschaftlicher oder politischer Natur.
    In diesem Sinne ist das auch mein Herzenswunsch im Innern meiner Seele, die Hoffnung und lange Geduld für ein Ziel, für Ziele die der Menschlichkeit, Fairness und Miteinander wieder Werte und Stellenwerte schenken, die sie zurecht verdient haben, auch tragen müssen, um daraus wieder eine längst gestorbene Kultur gesunder Moral und Tugenden entstehen zu lassen.

  3. Die Ideologie der Feindschaft, des Neids und Hasses zu anderen Ländern, ist es die nur destrukiv sein kann, von welcher am Ende dieses künstlich in die Länge gezogenen Prozesses, letzlich keiner Profitiert, aber jeder teuer bezahlt. Tatsächlich könnten alle von einer 360 Grad Wendung weltweit profitieren, sodaß es allen besser gienge, überall Frieden entstehen würde und damit auch in jedem x-beliebigen Land die Wirtschaft auf ein neues, nie dagewesenes Nivau gehoben werden würde, nach der einfachsten aller Formeln: Wenn es den menschen gut geht, Gesundheit und Wohlstand herrscht, kann auch umfangreich konsumiert, gehandelt werden. Die Produkte würden wieder ehrliche Produkte werden und Werbung, Propaganda bräuchte nicht mehr zu lügen. In diesem Sinne erhoffe ich mir das Beste, die notwendige Energie der Menschen, ihren jetzigen Daseinszustand ändern zu wollen. Mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen, denke ich.

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